Quellen zum germanischen Glauben

In diesem Abschnitt soll ein Überblick über die wichtigen Quellen zur germanischen Mythologie und Religion gegeben werden, wobei man über die Hauptquellen, die ältere und jüngere Edda und ihre Geschichte den eigenen Abschnitt lese.

Neben den Eddas sind Mythen auch beim dänischen mittelalterlichen Chronisten Saxo Grammaticus enthalten. Das in Latein um 1200 verfaßte Werk dieses Klerikers trägt den Titel "Gesta Danorum" (bzw. "Historia Danica"), "Geschichte der Dänen" und besteht aus 16 Büchern. Inhaltlich reicht es von der mythischen Vorzeit bis 1202. Gerade in den ersten neun Büchern findet sich ein reicher Schatz altnordischer Sagen, die sonst nicht erhalten sind. In dem Werk sind auch einzelne Göttermythen (Ullr, Baldr-Hoðr, Freyja-Óðr usw.) enthalten.

Der Mythos des Raubes des Brisingamens ist in dem Sorla þáttr (auch: Heðins saga ok Hogna) enthalten, der einen Teil der Flateyjarbók (zw. 1328 und 1387 geschrieben) bildet. Hier ist auch die mythische Vorgeschichte Norwegens, eine Riesengenealogie enthalten (Hversu Nóregr byggðisk/ Fundinn Nóregr). Eine wichtige Quelle ist ferner die Ynglinga saga, die in ihren Anfangskapiteln über die Götter berichtet. Sie bildet den ersten Teil der nach 1220 entstandenen Heimskringla. Andeutungen von Göttermythen finden sich auch im altenglischen Beowulfepos (um 700).



Antike Quellen des 1. bis 6. Jh.

Viele antike Autoren haben sich - wenigstens teilweise - mit den Germanen beschäftigt. Im Folgenden eine Aufstellung der wichtigsten dieser Quellen und kurze Anmerkungen, was darin jeweils u. a. interessantes über die Germanen und ihren Glauben zu lesen ist.
Strabo (63 v. u. Zt. bis 19 u. Zt.), Geographia (ca. 18 u. Zt.); (enthält u. a. einen Bericht über die Opferfrauen der Cimbern);
Caius Julius Cæsar (gest. 44 v. u. Zt.), De Bello Gallico (51/52 v. u. Zt.); (erwähnt die Druidenausbildung und Stellung, germanische Götter, Losen und Losorakel der Frauen);

Velleius Paterculus (schrieb um 30 u. Zt.), Historia Romana; (beschreibt die Vision der Götter durch einen weisen Alten);

Plutarch (ca. 46 bis 120 u. Zt.), Vita Caesaris; Vita Marii (um 100); (nennt den Schwur der Cimbern auf einen heiligen ehernen Stier, erwähnt Weissagungen aus dem Wasser und den Mond als Zeitpunkt);

Cornelius Tacitus (ca. 55 bis 120), Germania (nach 98); Agricola (98); Annales; Historiae (nach 96); (die Germania beschreibt ausführlich germanisches Leben, Glaube und Sitten, die anderen Werke erwähnen verschiedene Götter und Haine, z. B. Tamfana, Feldzeichen, die Seherin Veleda, das Sonnengebet des Boiocalus usw.);

Sueton (75 bis 140), Vitae Caesarum (um 120); (erwähnt einen germanischen Weissager, der aus dem Blitz weissagt);

Julius Frontinus (gest. um 103), Strategemata (zw. 84 und 96); (belegt das germ. Gesetz, bei abnehmendem Monde nicht zu kämpfen);

Florus (ca. 80 bis 140), Epitome (um 120); (beschreibt, daß Germanen Römer ans Kreuz geschlagen hatten);

Appianus (geb. ca. 120), Historia Romana (vor 165); (enthält eine Belegstelle für den Wiedergeburtsglauben der Germanen);
Cassius Dio (um 200), Historia Romana (um 230); (erwähnt die Seherin Ganna und eine andere Wahrsagerin);

Ammianus Marcellinus (geb. um 330), Libri rerum gestarum (um 394) ; (nennt den Oberpriester der Burgunden, die Absetzung des Königs bei Mißernten, Schwüre auf die heilig gehaltenen Schwerter);
Paulus Orosius (gest. um 420), Historia adversus paganos (um 415); (erzählt vom Aufhängen der Feinde und vom Opfern des Beutegoldes im Fluß);

Augustinus, De civitate Dei (um 420); (tägliche Götteropfer des Goten Radagais als Grund für seine Unbesiegbarkeit);

Apollinaris Sidonius (geb. um 430, gest. um 480); (Losen um Kriegsgefangene, Kreuzigungen, Opfer und Gelübde);

Sozomenos (um 400), Historia ecclesiastica (nach 439); (erwähnt einen Wagen mit Götterbild, der in einem Kultumzug herumgefahren wurde);

Procop (gest. um 560), De Bello Gothico (um 550); (nennt Ares den größten gotischen Gott, erwähnt Aufhängen der Feinde, Vogelstimmendeutung , Freitod der Alten und Selbsttötung der Witwe bei den Herulern);

Agathias (geb. 536), Historien; (beschreibt Opfer an Bäume, Flüsse, Berge und Täler).


Mittelalterliche Geschichtsschreiber

Die Quellen des Mittelalters stammen meist von Christen, und berichten daher oft verzerrt über das Heidentum. Dennoch handelt es sich um sehr wichtige Schriften, die viele Einzelheiten zu heidnischem Kult und Glaube erhalten haben.

Gregor von Tours (um 540 bis 593?), Historia Francorum (501 vollendet); Vitae Patrum (501); (in der Historia Francorum wird die Bekehrung Chlodwigs beschrieben und die heidnische Wasserweihe und Vorzeichendeutung erwähnt, in der Vita Patrum erzählt er u. a. von einem Blót in einem Heiligtum bei Köln und von geschnitzten Votivbildern);

Jordanes (gest. ca. 555), Getica (um 551); (erwähnt die Goden der Goten und ihren Bittgesang unter Chrottaspiel, Opfer an Mars, Mars als göttlicher Stammvater, Ahnenverehrung des Königs und der Ansen-Halbgötter);

Isidor von Sevilla (ca. 560 bis 636), Historia de regibus Gothorum, Vandalorum et Suevorum (nach 600) ; (erwähnt das Gelübde des Gotenkönigs Radagais, die besiegten Feinde den Göttern zu opfern);

Beda (geb. 672/73, gest. 735), Historia ecclesiastica gentis Anglorum (um 730); De temporum ratione; (in der Historia erwähnt er die Bekehrung des Oberpriesters Coifi, die beiden Brüderkönige Hengist und Horsa und ihre Abstammung von Woden, Missionierung und gemischten Glauben. In dem anderen Werk erwähnt er die heidnischen Monatsnamen und nennt die Göttin Eostre, der im Eosturmonath ein Fest gefeiert wurde);

Paulus Diaconus (720 bis 799?), Historia Langobardorum (nach 774); (nennt Ares als größten Gott, erzählt die Ursprungssage der Langobarden von Godan und Frea, Überführung von Sklaven zu Freien durch ein Pfeilritual, Neulandsuche des 3. Stammesteils, Stangen mit Holztauben als Kultpfähle für in der Fremde Verstorbene, Speerübergabe nach Königswahl, Vogelzeichen);
Annales regni Francorum (8. Jh.); (erwähnt die Eroberung, Plünderung und Zerstörung der Irminsul auf der Eresburg durch Karl);

Rudolf von Fulda (um 800 bis 865), Translatio St. Alexandri (um 850 begonnen); (erwähnt Baumkulte, beschreibt die Irminsul als Holzsäule unter freiem Himmel);

Angelsächsische Chroniken (vom 9. bis 12. Jh.); (erwähnt Ringeide zum Friedensschluß, nennt Hengist und Horsa als Wodens Nachkommen);

Widukind von Corvey (ca. 920 bis 973), Res gestae Saxonum (um 965); (beschreibt ein Feldzeichen mit Löwe, Drache und Adler, ein dreitägiges Siegesfest unter einer Sonnensäule, nennt gemischten Glauben der Dänen an Götter und Christus und die Loswahl eines Kriegsanführers);

Dudo (ca. 960 bis ca. 1030), De moribus et actis primorum Normanniae ducum (Anf. des 11. Jh.); (beschreibt das Menschenopfer der Normannen an Thur vor einem Kriegszug mit Enthauptung und Blutkult);

Thietmar von Merseburg (975 bis 1018), Chronicon (nach 1009 entstanden); (erwähnt das alle neun Jahre stattfindende Opfer im dänischen Hauptheiligtum Lejre, berichtet vom Tempel des Sonnengottes Svarozitz in Radegast und einer Kultstätte in Niederschlesien wo sündhafte Mysterien gefeiert wurden);

Ademar von Chabannes (ca. 988 bis 1034), Chronica Francorum ; (erwähnt die Bekehrung Rollos, der zu Ehren der Götter Gefangene enthaupten ließ);
Cnutonis res gestae (Mitte des 11. Jh.) ; (beschreibt ein magisches Feldzeichen mit einem Raben, der bei Siegesaussicht flattert, bei drohender Niederlage aber die Flügel senkt);

Adam von Bremen (gest. 1085), Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum (vollendet 1075); Scholiast zu Adamus Bremensis (von 1076 bis 1083); (ausführliche Beschreibung des Tempels von Upsala mit den Götterbildern und dem dortigen alle neun Jahre stattfindenden Fest mit Opfern und Zauberliedern, Schändung eines Thorsbildes durch einen Missionar, Goden für Heiligtümer eingesetzt, göttliche Ahnen, nennt Sclaveni als Germanen und Wenden als Wandalen);

Chronicon Fani sancti Neoti (um 1100); (beschreibt auch das magische Feldzeichen mit dem Raben, genannt Reafan);
Geoffrey de Monmouth (1100 bis 1154), Historia regnum Britanniae (1136 vollendet); (erwähnt Mercurius als Wodan und höchsten Gott der Angelsachsen, dem der vierte Wochentag geweiht ist);
Helmold von Bosau, Chronica Sclavorum et Venedorum (1171 fertiggestellt, erweitert bis 1209); (erwähnt den höchsten Himmelsgott, Haus- und Feldgötter, den Gott Prove und Siwa, beschreibt den Opferkult mit Losen, Blutritual und Trankopfer).



Lebensbeschreibungen der Bekehrer

In diesen Schriften der fanatischen Missionierer wird das Heidentum zwar oft verteufelt, es scheinen aber dennoch zahlreiche Einzelheiten des heidnischen Kultes und Glaubens durch.

Vita Columbani (Columban geb. 543, gest. 615) von Jonas von Bobbio (nach 642 vollendet); (erwähnt ein Heiligtum, ein Biertrankopfer für Wodan mit großem Kessel, in einer Glosse dazu wird Wotant mit Mars gleichgesetzt);

Vita Amandi (Amandi gest. 679; verfaßt im 8. Jh.); (verurteilt heidnische Heiligtümer, hölzerne Götterbilder und verehrte Bäume bei Gent);

Vita Eligii (Eligius gest. 660; verfaßt Mitte des 8. Jh.); (Zerstörung von heidnischen Heiligtümern durch Eligius in Flandern);

Vita Landiberti (Landibert gest. 703?; verfaßt Mitte des 8. Jh.); (Zerstörung von Tempeln und Götterbildern zwischen Schelde und Maas);

Vita Bonifatii (Bonifatius 672 bis 754) des Willibald (zwischen 763 und 765 verfaßt); (schildert die Zerstörung der Jupiter-Eiche bei Hofgeismar durch Bonifatius, außerdem erwähnt der Text Zeichendeuter, Vogelflug, Opfergebräuche und Zauber);

Vita Vedastis (Vadastius 1. Hälfte des 6. Jh.; verfaßt um 775); (beschreibt heidnisch geweihte Gefäße mit Bier in der Mitte des Hofes);

Vita Willebrordi (Willebrord ca. 658 bis 739) des Alcuin (um 790); (Willebrord entweiht das Fositeheiligtum mit der heiligen Quelle, Friesenkönig Radbod läßt das Los über den Heiligtumsschänder werfen, auch ein Götterbild auf der Insel Walcheren wird erwähnt);

Vita Wulframi (Wulfram geb. zwischen 632 und 656, gest. vor 704; entstanden um 800); (schildert übertrieben die Todesstrafen unter Friesenkönig Radbod, außerdem dessen Frage, wo seine Vorgänger seien. Als der Missionar sagt, sie sein in der Hölle, lehnt Radbod seine eigene Taufe ab);
Vita Sturmi (Sturmus gest. 779) des Eigil (um 800); (erwähnt das Predigen und die Zerstörung von Heiligtümern bei den Sachsen);

Vita Galli (Gallus ca. 550 bis ca. 640; verfaßt Anf. des 9. Jh.); (beschreibt die Zerstörung dreier erzener, vergoldeter Götterbilder der Alemannen);

Vita Liutgeri (Liutger ca. 744 bis 809) des Altfridus (entstanden um 820); (das Kinderaussetzen wird erwähnt, außerdem die Zerstörung der friesischen Heiligtümer und die Plünderung der dortigen Schätze);

Vita Willehadi (Willehad gest. 789) des Anskar (um 860); (Willehads Predigt in Friesland wird als Götterbeleidigung betrachtet und über ihn das Los geworfen. Willehads Schüler zerstören Heiligtümer und Götterbilder);

Vita Anskarii (Anskar 801 bis 865) des Rimbert (870 verfaßt); (ein Abgesandter der Götter spricht im Namen der Götter zum Volk und gegen den fremden Gott. König Erich wird unter die Götter aufgenommen, mehrere Losorakel, Frage eines Heiden an den Priester, welchen Gott er beleidigt habe);

Vita Barbati (Barbati gest. 683; verfaßt im 9. Jh.); (erwähnt das heilige Schlangenbild der Langobarden und ein Wettspiel zu Pferde um ein heiliges Opferfell);

Vita St. Lebuini (Liafwin gest. um 770; geschrieben Anf. des 10. Jh.); (erwähnt das Alþing der Sachsen und ein Gebet).



Kirchliche Quellen

In den Bußbüchern, Konzilsbeschlüssen und Briefen der Kirchenvertreter werden häufig heidnische Bräuche verdammt. Diese Bräuche werden aber auch erwähnt und teils beschrieben, so daß auch diese Quellen für uns wichtig sind.

Concilii von Aquilensis Epistola, Briefe an die röm. Kaiser (381); (erwähnt die gotischen Goden mit Halskette und Armspange);

Concilium Aspasii episco (551); (nennt das Weihen von Trinkhörnern, Zauberer usw.);

Epistel und Dialoge Papst Gregors I. (590 bis 604); (beschreibt das Opfer eines Ziegenkopfes);
Concilium sub Sonnatio episcopo Remensi habitum (um 630); (Opfermähler, Vogeldeutung);

Poenitentiale Ecberti (um 725); (Losorakel, Vogeldeutung, Gelübde an Bäumen);

Epistel Papst Gregors III. (731 bis 741); (Totenopfer, Pferdefleischessen, Losorakel, Vorzeichen, Amulette und Beschwörungen werden angeprangert);

Concilium germanicum (742); (erwähnt Totenopfer, Vorzeichen, Losorakel, aber auch das niedfeor = Notfeuer);

Indiculus superstitionum (743?); (liefert einen ganzen Katalog heidnischer Bräuche);

Bonifatius (gest. 754), Epistolae; (erzählt wie Willibrord in Friesland Tempel und Heiligtümer zerstört);

Papstes Zacharias, Epistel an Bonifatius (748); (nennt heidnische Priester, Stier- und Bockopfer und Totenmähler);

Pseudo-Bonifatius, Sermo (um 800); (Verehrung von Götterbildern, Opfer bei Toten und Gräbern, Weissagungen usw.);

Poenitentiale Arundel (10. bis 11. Jh.); (Opfer an Gräbern um Zukünftiges zu erfahren).


Gesetzbücher

Die Gesetze in diesen Büchern sind meist noch aus dem Heidentum und wurden nur christlich ergänzt. Die Gesetze geben uns Hinweise über die heidnische Ethik.

Lex Visigothorum (älteste Redaktion um 650); (nennt Strafen für Heiden, die nächtliche Opferfeiern halten und für Unwetter-Zauberer);

Leges Liutprandi (entstanden 715 bis 735); (Strafen für Baum- oder Quellverehrer, Zauberer und Vogeldeuter);

Capitula de partibus Saxoniae (zwischen 777 und 797); (Todesstrafe für Heiden, die einen Menschen den Göttern weihen, verbietet Weissagungen und Vogeldeutung, Strafen für Teilnahme am Opfermahl und Weihung von Speise);

Lex Frisionum (entstanden um 850); (enthält die Strafe für das Schänden eines heidnischen Heiligtums);

Westgötalagen (Anf. des 12. Jhs.); (Neidingstaten, Þingentweihung usw.);

Frostuþingslog (Mitte des 12. Jhs.); (erwähnt die Vébond, die Weihbänder auf dem Þing, Friedheiligkeit usw.);

Gulaþingslog (Ende des 12. Jhs.); (verbietet Opfer an Götter bei Hügeln und Steinaltären);
Sachsenspiegel des Eyke von Repkow (gegen 1230); (Friedheiligkeit, Gefolgschaftseide);

Grágás Konungsbók (entstanden um 1260); (enthält den þingskappa þáttr, wo die Aufgaben der Goden beim Þing genau festgelegt sind);

Járnsiða oder Hákonarbók (1273); (erwähnt das Setzen der Vébond auf dem Alþing);

Guta Lagh (Ende des 13. Jhs.); (verbietet heidnische Opfer und Bräuche an Hainen und eingehegten Plätzen);



Nordische Geschichtsbücher

Durch die relativ späte Christianisierung des Nordens haben sich hier zahlreiche heidnische Bräuche und Glaubensvorstellungen erhalten.

Aris Íslendingabók (um 1139; Ari 1067 bis 1148); (beschreibt die Besiedelung, die Gesetze und das Alþing, aber auch von der Christianisierung Islands wird erzählt);

Sverris saga (um 1190); (das Leben des späteren Königs Sverrir Sigurðarson, heidnischer Schicksalsglaube und Tapferkeit);

Oddr Snorrasons Ólafs saga Tryggvasonar (um 1200); (die Missionierungsbestrebungen von Olaf Tryggvasonar und heidnischer Widerstand);

Orkneyinga jarla saga (um 1220); (erwähnt ein Rabenbanner, Zweikämpfe, den Blutaar und heidnischen Schicksalsglauben);

Noregs konunga sogur af Snorri Sturluson - Heimskringla (um 1225); (enthält die Ynglinga saga, außerdem zahlreiche Beschreibungen heidnischer Bräuche und Glaubensvorstellungen, u. a. den Ablauf des Blóts, Tempelschilderungen, die heidnischen Jahresfeste, Trankweihe, Zauber usw.);

Fagrskinna (um 1230); (Bauern zwingen Hákon den Guten zum Opfer, Losorakel, Missionierung usw.);

Kristni saga (Anfang des 13. Jh.); (inhaltlich reicht diese Saga von der Christianisierung Islands bis 1118, sie enthält Schilderungen des Heidentums wie Tempel, Opfersteine, Vorzeichen, Götterlästerung und ihre Bestrafung);
Landnámabók (Mitte des 13. Jh.); (die Urfassung wurde um 1100 erstellt, das Buch berichtet von der Besiedelung Island mit zahlreichen Einzelheiten, Goden, Auswerfen der Götterbilder, Tempel, Opferstätten, die heidnischen Ulfljotslog mit Ringeidformel, Götterbefragung, Landweihe an Götter, Allsherjargóði);

Jómsvíkings saga (um 1250); (Privatkult des Jarl Hákon an Þorgerðr Holgabruð, Ächtung wegen Tempelschändung);

Knýtlinga saga (um 1265); (beginnt bei Knuts Vorfahren, vor 940 und endet 1202, berichtet von den wendischen Göttern, wahrscheinlich von Saxo übernommen);

Sogubrot af nokkrum fornkonungum (13. Jh.); (schildert z. B. eine heidnische Bestattung mit Wagen und Pferdeopfer, eine Schlachtordnung von Óðinn);

Guta saga (13. Jh.); (beschreibt die heidnischen Opfer und die Kultorganisation mit den þingen auf Gotland);

Ólafs saga Tryggvasonar hin mesta (Ende des 13. Jh. Ólaf regierte 995 bis 1000); (viele Einzelheiten wie ein Þórsbild als Gallionsfigur am Schiff, Missionierungsauseinandersetzungen, eine Erscheinung des Gottes Þórr);

Sturlunga saga (um 1300); (behandelt die Geschichte Islands zwischen 1117 und 1264, insbesondere auch das Leben bedeutender Isländer wie Snorri Sturluson oder Jón Loptsson);

Flateyjarbók (um 1328 bis 1387 geschrieben); (eine Sammelhandschrift, die zahlreiche Sogur und Þættir enthält und die hier einzeln angeführt werden).


Íslendingasögur

Die Íslendingasogur (Islandsagen, Sagas) sind Erzählungen aus dem alten Island und spielen oft auch in Norwegen, Schweden und an anderen Orten. Da sie zeitlich meist in der Missionierungszeit handeln, kommen immer wieder Einzelheiten aus dem Heidentum vor. Zwar verhalten sich die Sogur zum realen Leben dieser Zeit in etwa wie Wildwestfilme zur tatsächlichen Besiedelung Nordamerikas, und liegen die meisten Handschriften nur als Abschriften christlicher Verfasser vor, aber der zeitliche Abstand der Verfasser zum Heidentum war noch so nahe, daß heidnische Vorstellungen auch bei Christen noch bekannt und unterschwellig vorherrschend waren. Daher werden die Sogur von der Wissenschaft als Quellen durchaus ernstgenommen.

Heiðarvíga saga (um 1200); (die älteste erhaltene Islandsaga, die Handlung spielt im 1. Viertel des 11. Jh. Erwähnt die Zauberin Alof Kjannök, Stieropfer gegen Rache der Feinde);

Bjarnar saga Hítdolakappa (um 1220); (ethische Vorstellungen, Folgegeister usw.);

Hallfreðar saga vandræðaskálds (um 1220); (Gelübde an die Götter, kleines Þórsbild aus Walroßzahn, Erscheinung der Fylgjakona und Übergang auf anderen Sippenangehörigen, Opferung);

Egils saga Skallagrímssonar (um 1230 vielleicht von Snorri Sturluson verfaßt); (die Handlung geht von Mitte des 9. Jh. bis Ende des 10. Jh. Erwähnt werden Tempel und Goden, Frühlingsfest und Herbstopferfest im Tempel von Gaular, eingehegtes Gericht mit Vébond, Götterfluch auf Zerstörer der Vébond, Stieropfer nach Holmkampf, Entweihung des Tempels, Opferorakel, Julfest mit Geschenken, Dísablót, Trankweihe, Wasserweihe eines Kindes, Bestattung mit Hügel und Beigaben, Neidstange, Freyja als Totengöttin, Runenzauber);

Eiriks saga rauða (frühes 13. Jh.); (spielt im 10. und 11. Jh., berichtet von der Entdeckung Vinlands, d. i. Amerika, Lieddichtung um Þórs Hilfe, die Seherin Þorbjorg und ihr Zauber auf Grönland werden ausführlich beschrieben);

Færeyinga saga (Anf. des 13. Jh.); (geht von der Mitte des 10. bis zur Mitte des 11. Jh., berichtet ausführlich vom Tempel und Kult der Lokalgöttin Þórgerðr Holgabruð);

Kormáks saga Ögmundarssónar (Anf. 13. Jh.); (Kormák wirkte etwa von 930 bis 970; erzählt vom Holmkampf und dem Opfer um Hilfe, Opferstier, Fluchzauberei, Auswerfen der Götterpfeiler, Elbenopfer am Hügel, Ausmessen des Hauses, Tierverwandlung);

Fóstbroðra saga (13. Jh.); (spielt im frühen 11. Jh.: erwähnt einen Stuhl mit Þórsbildnis, Blutsbrüderschaft durch Tritt unter den Rasenstreifen, Schamanenfahrt im Traum, Zauberei, Gestaltwechsel);

Gull-þóris saga (13. Jh.); (berichtet von den Siedlern auf Island, von Tempeln, Opfern und der Organisation der Tempel);

Þorvalðs þáttr tasalda (13. Jh.); (spielt in der Missionierungszeit, enthält einen Hinweis auf das Königsglück);

Harðar saga Grímkelssonar ok Geirs (13. Jh.); (erwähnt das Niederfallen vor dem Kultstein im Tempel, Julgelübde, Kinderaussetzen, Zauberei, Gestaltwechsler);

Gautreks saga konungs (13. Jh.); (enthält eine ausführliche Schilderung der Zuteilung des Schicksals durch den Rat der Götter, Losorakel, Tierverehrung, Folgegeister, Königsopfer für Óðinn);

Hervarar saga ok Heiðreks konungs (13. Jh.); (hier sind alte Heldenlieder mit eingebettet, z. B. Hloðsqviða, Hervararqviða, Dánaróður Hjálmars hugumstóra, Heiðreksgátur. Im Mittelpunkt steht das magische Schwert Tyrfing. Königsopfer, Königsabsetzung, Guðmundr von Glæsisvellir, Opfer an Óðinn, dem Freyr geweihter Juleber, Julgelübde, Bragibecher, Pferdeopfer des Königs, Losorakel, Dísenopfer, Wasserweihe, Rätselwettkampf mit Óðinn);

Gísla saga Surssonar (Mitte des 13. Jh.); (Gísli wanderte Mitte des 10. Jh. nach Island aus; die Saga enthält die Schilderung der Blutsbrüderschaftsschließung, das magische Schwert und Schmiedung eines magischer Speers mit Runen, Grabhügel ohne Schnee als Zeichen von Freyr, Herbstfest mit Freyskult, Schiffsbestattung im Hügel, Binden der Helschuhe, Träume, Schadenszauber und Tötung der Zauberer);

Víga Glúms saga (Mitte des 13. Jh.); (spielt im 9. Jh.; Opfer für Freyr, Freyr erscheint im Traum, Tempelheiligkeit, Heiligung des Herbstþings, Ringeid im Tempel, Landheiligung, Freysgebet zum Stieropfer, Weissagerin, Dísablót zu Winteranfang, Fylgjar);
Droplaugarsonar saga (um 1250); (spielt in der 2. Hälfte des 10. Jh.; erwähnt ein Goðahús und das Umgehen desselben als Zauber, den Eid auf den Altarring, Wasserweihe usw.);

Laxdola saga (um 1250 verfaßt); (reicht vom 9. bis 11. Jh.; beschreibt das Treten unter einen Rasenstreifen als Gottesurteil, schlechtes Wetter wird als Zorn der Götter erklärt, Festtage als Tage um günstige Orakel zu erlangen, Julfestgeschenke, Auswerfen der Götterbilder, Umzug mit Heilswünschen, Wasserweihe, Alþing, Ertrunkene zeigen sich als Wiedergänger, Traumdeutung, Seiðr als Todeszauber, Anklage wegen Zauberei);
Bandamanna saga (Mitte des 13. Jh.); (spielt in der Mitte des 11. Jh.; erwähnt das Pferdefleischessen);

Reykdola saga ok Víga Skútu (Mitte des 13. Jh.); (spielt im 10. Jh.; erwähnt die Beratung über ein Gemeinschaftsgelübde beim Tempel um Wetterbesserung, Opfertiere);

Vápnfirðinga saga (Mitte des 13. Jh.); (spielt im 10. Jh.; Steinvor hóf-gyðja wird genannt, Anklage eines Christen wegen Nichtzahlens des Tempelzolls, Traumdeutung);

Volsunga saga (Mitte des 13. Jh.); (es ist eine ausführliche Nacherzählung der Sigurð- und Volsungensage unter Verwendung einiger - teils verlorener - eddischer Heldenlieder; erwähnt Óðins Sohn Sigi, Óðinn erscheint mehrfach und greift in die Schlacht ein);

Hrafnkels saga Freysgóða (2. Hälfte des 13. Jh.); (spielt im 10. Jh., eine der bedeutendsten Íslendingasogur, Hauptperson ist der Freysgode Hrafnkel; erwähnt den Freystempel, Opfer an Freyr, das heilige dem Freyr geweihte Pferd sowie ein Gelübde, daß jeder Reiter desselben getötet wird, Tempelzerstörung usw.);

Örvar-Odds saga (2. Hälfte des 13. Jh.); (enthält auch das Sterbelied Aevikviða oder Aevidrápa des 12. Jh.; erwähnt den Glauben der christlichen Übergangszeit an die eigene Macht und Stärke);

Ragnars saga loðbrókar (2. Hälfte des 13. Jh.); (Ragnarr und seine Söhne lebten in Dänemark im 9. Jh.; Ragnars Kampf gegen einen Drachen, die Opferstätten Upsala und Hvitabor, Götteropfer vor der Hochzeitsnacht);
Brandkrossa þáttr (2. Hälfte des 13. Jh.); (beschreibt ein Stieropfer an Freyr gegen den Nachfolger im eigenen Hof, das Wegzaubern eines Ochsen);

Orms þáttr Stórólfssonar (spätes 13. Jh.); (enthält die Prophezeihung einer Volva, eine halbmenschliche Helferin, ein Sterbelied);

Hálfs saga ok Hálfsrekka (Ende des 13. Jh.); (Hálf wird schon im 10. Jh. erwähnt; die Saga zitiert ältere Heldenlieder, enthält das Innstein-, Útstein- und Hrókslied. Das Innsteinlied ist eine Traumdeutung);

Friðþjófs saga frækna (Ende des 13. Jh.); (spielt im 10. Jh.; mit Beschreibung des Baldertempels am Sognefjord, einem Kultbild, Verbrennung des Tempels, Verbot des Zusammenkommens von Männern und Frauen in diesem Tempel);

Honsa-þóris saga (um 1260); (spielt im 10. Jh., erwähnt den geheiligten Þingbezirk, ein Gelübde mit Fuß auf den Stein, Besitznahme durch Umgehen, Zukunftstraum);

Vatnsdola saga (zwischen 1260 und 1280); (reicht vom 9. bis zum 11. Jh.; erwähnt Tempel, ein magisches Los mit dem Bilde Freys, den Gang unter den Rasenstreifen als Gottesurteil, Landumgehen mit Feuer, Hausumgehen, Holmgang, Verbot von Waffen im Tempel, Glaube an den Schöpfer der Sonne, Njorðr als Reichtumsgott, Opfer, verhaßter Menschenopferer, Volva Þórdis, Zauberkundige, Wetterzauber, Bestattung, Verehrung eines Pferdes Freyfaxi, Warnung im Traum durch Sippenfolgegeistfrau);

Gunnlaugs saga Ormstungu (um 1270 - 1280); (Anrufung Þórs um Sieg im Zweikampf, Julfest mit Geschenken, Kinderaussetzen);

Brennu-Njáls saga (um 1280); (die Saga spielt im 10. und 11. Jh., gehört zu den längsten und bedeutendsten Sogur und enthält auch das Darraðarljóð, in dem Valkyren ein Schlachtgewebe weben; enthält die Beschreibung des Tempels der Þórgerðr Holgabruð, die Hófgyðja Steinunn redet gegen den Christen Þankbrand, Gebet Hákons mit Niederwerfen, Julfest mit Geschenken, magische Waffen, Raben als Vorzeichen, Folgegeister, Träume, ein Toter im Berg, vorausbestimmtes Schicksal, Zukunftskundige, Wetterzauber. Besonders ausführlich wird die nordische Form des Rechtsverfahrns vor dem Þing beschrieben, teils mit den dabei später benutzten Formeln, aber nicht immer ganz richtig);

Þórsteins saga Víkingssonar (um 1300); (spielt im 10. Jh., enthält magische Waffen, ein Wunderschiff Elliði, Zauberer, helfende Zwerge, Verwandlungen);

Grettis saga Ásmundarsonar (zwischen 1320 bis 1330 verfaßt); (spielt im 10. Jh. und gehört zu den umfangreichen und berühmten Sogur; enthält Zauber, Runenschadenszauber mit einer Holzwurzel, Kämpfe gegen Trolle);

Hávarða saga Ísfirðings (um 1330); (spielt im 10. Jh., enthält Raben als Vorzeichen, den Kampf mit einem Wiedergänger);

Stýrbjarnar þáttr Svíakappa (zw. 1328 und 1387 entstanden); (beschreibt ein Gelübde im Tempel Óðins um Sieg, Óðinn greift danach selbst in die Schlacht ein);
Nornagests þáttr (zw. 1328 und 1387 entstanden); (in diesem Þáttr, der in der Missionierungszeit spielt, treten auch Helden der Nibelungen und Volsungensage auf; enthält eine Schilderung der drei Nornen, die zur Geburt kommen und das Schicksal zuteilen);

Eyrbyggja saga (ca. 1350); (die Saga aus der Missionierungszeit enthält Erwähnungen von Zauberei und heidnischen Riten, insbesondere die genaue Schilderung eines heidnischen Tempels, die Gefolgschaftsverpflichtung gegenüber dem Goden, den heidnischen Speerwurf, eine Beschreibung der Þingstätte und ihre Entweihung, Ringeid, Landumgehung, Opfer im Þórstempel mit Frage und Antwort Þórs, Herbstfest mit Pferdeopfer, Auswerfen der Göttersäulen, Vorzeichen, Weihe von Kindern auf Götter, Bestattung, Heiliger Berg der Toten, Wiedergänger, Wetterzauber, Anklage einer Zauberin);

Þórðar saga hreðu (um 1350); (Folgegeistfrauen erscheinen im Traum, Schicksalsglaube);

Bárðar saga Snæfellsáss (um 1350); (die Saga handelt vom Landvættr Bárðr, dem Asen des Berges Snæfell, der denen zu Hilfe kommt, die von Riesen und Trollen bedroht werden. Erzählt vom Zorn der Ahnen wegen Gests Glaubenswechsel, Opfer für gute Vorzeichen);

Króka-Refs saga (um 1350); (enthält eine Bitte an den Gott, der die Sonne geschaffen hat);
Flóamanna saga (Anf. des 14. Jh.); (spielt im 10./11. Jh.; erwähnt werden Tempel, Goden, heidnische Tierverehrung eines Bären, Þórr erscheint mehrmals einem abtrünnigen Heiden im Traum);

Kjalnesinga saga (Anf. des 14. Jh.); (spielt in der Missionierungszeit; ausführlich beschrieben wird ein großer Tempel mit Kultgegenständen, Opfervieh und ein Opfersumpf, Tempelschändung, Ächtung wegen Christentums, Gebet liegend vor dem Götterbild, Wasserweihe);

Gongu-Hrólfs saga (Anf. des 14. Jh.); (der Held der Saga wurde 911 Fürst in der Normandie; die Saga erwähnt ein Pferd, das die menschliche Sprache versteht);

Þórsteins þáttr Bæjarmagns (14. Jh.); (berichtet vom sagenhaften Polarland Glæsisvellir und dem mythischen König Guðmund sowie den von Saxo bekannten Geiroðr, erwähnt Wiedergänger, Trankopfer für die Götter);

Þórsteins þáttr uxafóts (14. Jh.); (enthält einen Abschnitt über das heidnische Úlfljótslog, Kämpfe mit Riesen und Geistern, Kinderaussetzen);

Ljósvetninga saga (14. Jh.); (gehört zu den bedeutendsten Islendingasogur. Beschreibt die Eisenprobe, Klage auf Verlust der Godenwürde, Widderopfer zur Übernahme des Góðorð, Traum von Folgegeistern);

Svarfdola saga (14. Jh.); (spielt in der späten Besiedelungszeit; beschreibt das Landumgehen zur Übernahme, Jul als heilige Götterzeit, Schicksalsvorherbestimmung);

Finnboga saga ramma (14. Jh.); (spielt in der Besiedelungszeit; erwähnt wird das Kinderaussetzen, Wetterzauber, Glaube an sich selbst);

Ásmundar saga Kappabana (14. Jh.); (schon bei Saxo ähnlich überliefert, stellt diese Saga eine nordische Form der Hildebrandsgeschichte da, angehängt ist ihr Hildibrand Sterbelied; erwähnt ein verfluchtes Schwert);

Egils saga einhenda ok Ásmundar berserkjabana (14. Jh.); (erwähnt das Aufhängen des Besiegten als Óðinsopfer, eine heidnische Bestattung mit Pferd und Beigaben);

Ketils saga Hængs (14. Jh.); (erwähnt Trolle und Drachenkämpfe und das magische Schwert Dragvendill, Julopfer an einen Hügel um gute Ernte, Ablehnung der Opfer an Óðinn, Zauberei, Holmgang);

Hrómundar saga Gripssonar (aus einer Rímur von 1400 entstanden); (die Saga soll schon 1119 vorgetragen worden sein, weist Parallelen zu HH. II auf.);

Hrólfs saga kraka ok kappa hans (14. oder 15. Jh.); (Hrólf wird schon im Beowulfepos erwähnt; Valhollglaube, Glaube an eigene Macht, Zauberei).


Dies ist ein kleiner Ausschnitt der erhaltenen Geschichtsquellen, Sogur oder Viten. Die meisten dieser Schriften liegen noch immer nicht in deutscher Übersetzung vor.


Weitere Quellen

Neben den erwähnten historischen Schriftquellen können wir bedingt auch die zahlreichen Heldensagen heranziehen. Zwar finden sich darin in der Regel keine Kultbeschreibungen, aber das diesen Liedern zugrundeliegende Denken ist heidnisch. Hierzu gehören u. a. das Nibelungenlied, die Gudrunsage, die Wielandsage, Sagenkreis um Dietrich von Bern, die Helgisagen usw.

Interessante Einzelheiten sind auch aus in jüngeren Geschichtsquellen des 15. bis 18. Jh. zu finden, teilweise aber auch sehr verzerrt und fehlinterpretiert. Hierzu gehören z. B. Olaus Magnus Historia, Hartknochs Alt-Preußen, Grunaus Preußische Chronik, Crantz Wandalia, Gryses Spegel usw.

Leider oft etwas unterschätzt wird der Wert der Volkssagen, die sich in allen germanischen Regionen finden. Eine bekannte deutsche Sagensammlung veröffentlichten die Gebrüder Grimm, auch Kuhn, Schwarz und andere Forscher veröffentlichten Sagen. In ihnen finden wir noch häufig Hinweise auf Heiligtümer, Spukzauber, und selten auch auf heidnische Gottheiten.

Dann gelten auch die echten Volksmärchen als Quellen zum Heidentum, auch wenn hier fremder Einfluß oft vorhanden ist. Deutsche Märchen veröffentlichten z. B. die Gebrüder Grimm oder Ludwig Bechstein.

Schließlich ist das große Gebiet der Volkskunde eine Fundgrube für heidnische Bräuche, Zeremonien und Denkweisen. In manchen Gegenden wurden noch bis in unsere Tage z. B. Götter zum Erntefest angerufen usw.

In den Volksliedern besonders im skandinavischen Raum sind gleichfalls viele heidnische Vorstellungen erhalten. Selbst einzelne Gottheiten kommen in Liedern vor.

Sehr wichtig sind auch die Erkenntnisse der Archäologie, die mittlerweil Opferstätten, Heiligtümer, oder Siedlungen ausgegraben und untersucht hat.

Dies alles zeigt uns, daß gar nicht so wenig über das germanische Heidentum erhalten ist, wie oftmals behauptet wird, andererseits ist es eine Lebensaufgabe, alle diese Quellen kennenzulernen.

 

Die Ältere Edda

 


Unter der Bezeichnung "Edda" verstehen wir zwei altnordische Sammlungen von germanischen Götter- und Heldenmythen. Die ältere Edda, die auch Sæmundar-Edda oder Lieder-Edda genannt wird, besteht aus Götterliedern und Heldenliedern, dazu kommen noch die in beiden Gattungen enthaltenen Spruchweisheiten. Die jüngere Edda, die auch Snorra-Edda oder Prosa-Edda genannt wird, enthält eine systematische Darstellung der germanischen Mythologie in ungereimter Erzählform, dazwischen finden sich Strophen aus der älteren Edda oder von den Skálden ("Dichtersänger").

Der Name "Edda" wurde verschieden gedeutet (etwa von óðr = Dichtkunst, von Oddi = Buch aus Oddi oder von lat. edo = ich verkünde), doch gibt die Edda selbst Auskunft über diese Bezeichnung. In dem zur eddischen Dichtung gehörenden Götterlied, der Rígsþula (Strophe 4 und 7), findet sich das Wort in der Bedeutung "Urgroßmutter". Damit ist gemeint, daß in der Edda Überlieferungen enthalten sind, die wie von einer Urgroßmutter erzählt sind. Im mythischen Verständnis ist diese Urgroßmutter die Erdgöttin selbst.

Die Haupthandschrift der älteren Edda ist das Konungsbók eddukvæði, besser bekannt unter dem lateinischen Namen Codex Regius Nr. 2365, 4to. Die Pergamenthandschrift mit 90 Seiten (mit einer Lücke von wahrscheinlich 8 Blättern nach Blatt 32) wurde vermutlich in den 70er Jahren des 13. Jhs. von einem Schreiber nach einer (verlorenen) schriftlichen Vorlage niedergeschrieben. Der Codex enthält 10 Götterlieder und 21 Heldenlieder. Nach ungewissem Schicksal kam diese Handschrift 1643 in den Besitz des Bischofs Brynjólfr Sveinsson von Skálholt. Über Þormóðr Torfason kam die Handschrift 1662 in den Besitz des dänischen Königs Frederik III., der sie in die königliche Bibliothek in Kopenhagen brachte. 1971 wurde der Codex Regius feierlich als erste einer Reihe von Handschriften nach Island zurückgebracht. Hier wird er in der Handschriftenabteilung der Universität (Stofnun Arna Magnussonar) in Reykjavík aufbewahrt. 50 Strophen der Voluspá, dem ersten Götterlied der älteren Edda, sind auch in der Hauksbók, dem Codex Arnamagnäanus Nr. 544, 4to zu finden. Die Hauksbók wurde von 1306-08 für Haukr Erlendsson, dem norwegischen Logmaðr (Gesetzsprecher) auf Island verfaßt. In der Flateyjarbók, Codex Regius Nr. 1005 fol. (um 1328-1387 geschrieben), findet sich nur ein Götterlied, das Hyndluljóð mit der Voluspá in skamma. Weitere Lieder sind in Handschriften der jüngeren Edda und Eddabruchstücke im Codex Arnamagnäanus AM 748 I, 4to (darunter Baldrs draumar) erhalten.

Die jüngere Edda ist als Codex Regius Nr. 2367, 4to erhalten, bekannte weitere Handschriften sind der Codx Upsaliensis Nr. 11, 8to, der Codex Wormianus Nr. 242 fol. (dort auch die Rígsþula) und der Trektarbók (Utrechter Papierhandschrift). Fragmente der jüngeren Edda finden sich auch im Codex Arnamagnæanus Nr. 748, 4to., in Arnamagnæanus 756, 4to und 757, 4to. sowie Arnamagnæanus 1eß fol. Von der älteren und jüngeren Edda existieren etwa 20 jüngere Papierhandschriften, in denen auch einzelne weitere Lieder erhalten sind, z. B. Svipdagsmál (in NkS 1111 fol.; SKB pap. fol. 34; SKB pap. 8vo 15 und AM 738, 4to) oder Hrafnagaldr. Reich bebildert ist z. B. eine Handschrift von Ólafur Brynjúlfsson aus dem Jahre 1760 (Ny. Kgl. Sml. 1867, 4to, heute in Reykjavík) und ganz ähnlich eine von Jakob Sigurðsson in Vopnafjorður von 1764, die sich heute in Privatbesitz in den USA befindet.

Seit der deutschen Übersetzung der Edda durch Karl Simrock (um 1850) teilt man die Götterlieder in drei Hauptgruppen. Nach der Voluspá, die wie eine Übersicht über das gesamte Weltenschicksal allein steht, folgen fünf Óðinslieder, also Lieder, in denen der Gott Óðinn im Mittelpunkt steht, dann folgen fünf Þórslieder und schließlich fünf Vanenlieder, wobei hierzu auch die Rígsþula gezählt wird, obgleich Rígr-Heimdallr kein Vane ist.

Die Heldenlieder teilen sich in drei Sagenkreise: die Wielandsage, die Helgisage und die Sigurð- und Guðrúnsage (Niflungar und Volsungar).

Die vollständige Edda enthält also die folgenden Götterlieder:


Voluspá (Vsp.)

Grímnismál (Grm.)
Vafþrúðnismál (Vm.)
Forspiállsljóð oder Hrafnagaldr Óðins (Hg.)
Vegtamsqviða oder Baldrs draumar (Bdr.)
Hávamál (Hav.)

Hábarðzljóð (Hrbl.)
Hymisqviða (Hym.)
Lokasenna oder Aegisdrecka (Ls.)
Þrymsqviða oder Hamarsheimt (Þrq.)
Alvíssmál (Alv.)

For Skírnis oder Skírnismál (Skm.)
Grógaldr oder Svipdagsmál I (Gg.)
Fjolsvinnzmál oder Svipdagsmál II (Fj.)
Rígsþula oder Rígsmál (Rþ.)
Hyndluljóð (Hdl.)


Die jüngere Edda enthält die folgenden Hauptstücke

Formáli
Gylfaginning (Gylf.)
Brageroður (Brag.)
Skáldskaparmál (Sksk.)
Grottasongr (Grt.)
Háttatal (Hát.)
1. bis 4. Grammatischer Traktat
Skáldatal (Skt.)
Nefnaþulur (Nþ.)

Es gibt darüberhinaus auch eine Gruppe von Liedern, die nicht zur Edda gehören, aber von ihrer Art her ähnlich sind. Man ordnet sie in die Gruppe der eddischen Dichtung. Hierzu gehören z. B. das Sólarljoð, Darraðarljóð, die Eiriksmál oder die Hákonarmál.


Vortrag und Strophenarten

Bei den Liedern der älteren Edda sind hauptsächlich zwei Strophenarten verwendet worden, nämlich Fornyrðislag und Ljóðaháttr. Fornyrðislag ("Versmaß für alte Sagen"), dt. "Lied- oder Erzählton" genannt, besteht aus vierzeiligen Strophen, wobei jede Strophe aus Langzeilen besteht. Eine Langzeile wiederum kann man in zwei Kurzzeilen auflösen. Hier ein Beispiel für Fornyrðislag (Vsp. 3):

Ár var alda, þat er Ymir bygði,
vara sandr né sær né svalar unnir;
iorð fannz æva né upphiminn,
gap var ginnunga, enn gras hvergi.

(Einst war das Alter, da Ymir lebte,
Da war nicht Sand, noch See noch Salzwellen;
Erde nicht fand sich noch Überhimmel,
Schlucht der Erscheinungen, und Gras nirgends.)

Dieses Versmaß, von dem sich auch eine Strophe auf dem dänischen Runenstein von Rök (um 800 u. Zt.) findet, steht der altgermanischen Langzeilendichtung am nächsten. Die Strophen weisen acht zweihebige Verszeilen mit freier Silbenzahl auf, die den Halbversen der germanischen Langzeilen entsprechen. An- und Abverse sind durch den Stabreim (Alliteration) miteinander verbunden. Ein Beispiel für eine germanische Langzeile, die aus zwei Kurz- oder Halbzeilen besteht und Stabreim enthält, findet sich z. B. auf dem Runenhorn von Gallehus (um 400 u. Zt.):

Ek hlewagastiz holtijaz horna tawido

(Ich, Hlewagastiz aus dem Holz das Horn fertigte).


Bei der ältesten germanischen Dichtung gab es noch keine Stropheneinteilungen, sondern es wurden Langzeilen an Langzeilen gereiht, wie z. B. im altenglischen Beowulfepos. Ähnlich war auch die Edda gedichtet, und noch heute ist die vierzeilige Strophe nicht überall streng eingehalten und zeigen die erhaltenen Melodien, daß eine Stropheneinteilung ursprünglich nicht vorhanden war.

Beim Stabreim (im Gegensatz zu End- oder Binnenreim) reimen sich die wichtigen Anverse. Bei der Verteilung der Stäbe (der stabenden Laute) gibt es bestimmte Grundtypen. Die Langzeile weist zwei oder drei Stäbe auf, von denen einer oder zwei in der ersten Halbzeile (= Abvers) stehen und einer im zweiten Halbvers (= Abvers). Die Stäbe können nur in den druckstarken Silben, den Hebungen oder Ikten des Verses, stehen. Da der Stab normalerweise auf die erste Hebung des Abverses fällt, ergeben sich im wesentlichen drei Möglichkeiten für die Plazierung der stabenden Laute:

1. Stabreim auf der ersten Hebung des Anverses (Vsp. 1):
Hlióðs bið ek allar helgar kindir.

2. Stabreim auf der 2. Hebung des Anverses (Vsp. 4):
þeir er miðgarð, moran, skópo.

3. Stabreim auf beiden Hebungen des Anverses (Vsp. 1):
forn spioll fira, þau er fremst um man.

Ausnahmen sind Fälle, wo der Abvers zwei Stäbe hat oder der Stab auf die zweite Hebung des Abverses fällt.

Eine Besonderheit ist es, daß beim germanischen Stabreim alle Selbstlaute miteinander staben können (Aqv. 8):

ylfstr er vegr okkar, at ríða ørindi.

Der Stabreim ist sehr wahrscheinlich aus dem Runenkult entstanden, wo der Priester drei Runenstäbchen loste und aus ihren Begriffen einen "Stabreim" bildete.

Aus dem Versmaß Fornyrðislag entwickelten sich später auch die Versmaße Málaháttr (Erzählton) mit mindestens 5 statt 4 Silben pro Verszeile, sowie Kviðuháttr (Verston) mit dreisilbigem Anvers und viersilbigem Abvers.

Das andere Hauptversmaß der älteren Edda ist der Ljóðaháttr ("strophisches Versmaß"), dt. auch Spruch- oder Liedton genannt. Es ist das Versmaß der eddischen Wissens-, Lehr- und Zauberdichtung, das sind diejenigen Eddalieder, deren Liedtitel auf "-mál" endet (z. B. "Hávamál"). Die Strophen dieses Versmaßes sind vierzeilig, wobei jeweils eine Langzeile mit einer Kurzzeile wechselt (Háv. 49):

Váðir mínar gaf ek velli at
Tveim trémonnom;
Rekkar þat þóttuz, er þeir rift hofðo,
neiss er nøcqviðr m(aðr) halr.

(Mein Gewand gab ich auf dem Felde
Holzmännern zweien.
Bekleidet dünkten sie Kämpen sich gleich,
Während Hohn den nackten Mann neckt).

Selbstverständlich finden wir auch hier den Stabreim. Dem Ljóðaháttr sehr ähnlich ist der Galdralag ("Versmaß für den Galdr"), dt. auch Zauberton genannt. Hier wird lediglich die vierte (Halb-)zeile der Strophe (zuweilen mehrfach) fast wörtlich wiederholt (Háv. 156):

Þat kann ek iþ tíunda, ef ek sé túnriðor
Leika lopti á:
Ek svá vinnc, at þeir villir fara
sinna heim hama,
sinna heim huga.

(Ein zehntes kann ich, wenn Zaunreiterinnen
Durch die Lüfte lenken:
So wirk ich so, daß verwirrt sie fahren
In heimischer Gestalt,
In heimischem Gedenken.)

In der jüngeren Edda finden wir neben diesen klassischen Versmaßen auch das Dróttqvætt ("Fürstenton"), das gewöhnliche skáldische Versmaß mit seinen zahlreichen Varianten, die in den Háttatál ("Strophenverzeichnis") genauer erläutert werden.

Nun wollen wir noch die Frage beantworten, ob und wie die Lieder der Edda vorgetragen wurden. Es gibt aus verschiedenen Quellen alte Melodien zum Vortrage der Eddalieder, deren Echtheit anerkannt ist. Diese Melodien werden an anderer Stelle noch veröffentlicht werden. Das Vorhandensein dieser Melodien beweist, daß die Eddalieder auch tatsächlich gesungen worden sind. Auch die Bezeichnung "-qviða" (moderner: "-kviða"), z. B. in Liedertiteln wie Hymisqviða, deutet auf einen Vortrag mit Gesang hin, denn der Begriff bedeutet "rezitierend vortragen" (altnord. qvað = Sprechen); es handelt sich dabei um die sogenannten doppelseitigen Ereignislieder, also Lieder, in denen Strophen sich mit Prosatexten wechseln. "Queða" kann auch "Dichten" und "mit Instrument vortragen" bedeuten. Das nordische "ljóð" entspricht in etwa unserem deutschen "Lied". Nur bei sehr wenigen Ausnahmen ist eine singende Vortragsweise auf Grund des unregelmäßigen Strophen- und Zeilenmaßes nur schwer vorstellbar, etwa bei der Hárbarðzljóð.

Wenn wir aber wissen, daß die Lieder der Edda (übrigens nachweisbar noch bis in das 17. Jh. hinein) auch vorgesungen wurden, dann ist auch die Frage, wann dies geschah, schon fast beantwortet. Es konnte nur geschehen, wenn viele Menschen zusammenkamen, und das passierte nur auf den Jahresfesten. Die Lieder der Edda wurden also auf den heidnischen Jahresfesten vorgetragen, und es ist denkbar, daß sie auch - wenn gerade kein Skálde anwesend war - nur vorgesprochen wurden. Hier ist dann aber darauf zu achten, daß die beiden Hebungen jeder Zeile, die den Stabreim tragen, scharf herausgehoben werden sollten, ganz gleich, wo sie im Verse stehen. Der gleiche oder verwandte Anlaut in gleichen Silben muß laut und klar, die Senkungssilben dagegen mit merklich geringerem Nachdruck gesprochen werden. Man lasse sich durch die stark wechselnde Zahl der unbetonten Silben nicht dazu führen, auf die Einhaltung eines klaren und festen Rhythmus zu verzichten. Die altgermanischen Namen werden dabei immer auf der ersten Silbe betont.

Über den Vortrag von alten Götter- und Heldenliedern, die ja bereits Tacitus in der Germania erwähnt, berichtete auch der Chronist Jordanis in seiner Getica (um 550). Er erzählt, daß die Goten zuerst begonnen haben, die Taten ihrer Vorfahren mit Harfe zu besingen. Dabei meinte er keine dreiecksförmige Harfe, sondern eine Art Leier mit 6 Saiten, genannt Chrotta (Rotte, Rota, Crwth). Bruchstücke derartiger Chrotten wurden vom 7. Jh. (Sängergrab von Oberflacht) bis zur Víkingerzeit gefunden, und auch in Handschriften oder auf Stabkirchen, Bildsteinen usw. sind diese Instrumente abgebildet. Die Stimmung dieser Chrotten ist nicht überliefert (anders als bei den Griechen), aber wir dürfen wohl annehmen, daß sie pentatonisch gestimmt waren.



Datierung der Edda

Die Mehrheit der Wissenschaftler datiert die Entstehung der älteren Edda auf die Zeit um 1270 u. Zt., also in eine rein christliche Zeitepoche, in der in einer Art Renaissance die Menschen sich wieder für ihre Vergangenheit interessierten. Dem Konugsbók eddukvæði soll eine um 1240 entstandene Vorlage vorausgegangen sein. Angeblich 270 Jahre nach der offiziellen Einführung des Christemtums auf Island entstanden, kann die Edda somit kein objektives Bild des germanischen Heidentums vor dem Jahre 1000 liefern. Auch ist von größerem christlichen Einfluß (direkt oder indirekt) auszugehen, und als Quelle für einen heidnischen Glauben ist die ältere Edda somit nicht oder nur sehr bedingt zu gebrauchen.


Demgegenüber habe ich bereits 1988 darauf hingewisen, daß die ältere Edda früher aufgeschrieben wurde und somit als Hauptquelle für den heidnischen Glauben unbedingt glaubwürdig ist.

Die Datierung des Codex Regius der älteren Edda auf das Jahr 1270 ist weder dadurch erfolgt, daß sich auf der Handschrift vielleicht eine Jahreszahl befindet, noch durch die C14-Methode, noch durch Dendrochronologie. Einzig und allein sprachliche und grammatikalische Indizien werden hierbei angeführt. Diese Datierung ist also recht willkürlich und basiert auf den Einschätzungen der Forscher, da es ja vergleichbare Texte nicht gibt. Schon diese Datierung ist abzulehnen, zumindest in Frage zu stellen.
Da diese Frage von großer Bedeutung ist, soll sie hier genauer behandelt werden.

Die Eddadatierung stammt von Wissenschaftlern einer christlich geprägten Gesellschaft; fast immer sind diese Wissenschaftler selbst Christen oder sogar Theologen (wie Simek). Die Absicht, die Edda nicht nur in eine christliche Zeit zu datieren, sondern den Eddaliedern auch jegliche mythologische Bedeutung abzusprechen, ist z. B. bei Simek (2003) ganz deutlich. Schließlich fürchten die Christen nichts so sehr, wie das Wiedererstehen der heidnischen Religion. Während man es bei der Bekämpfung mit fernöstlichen Kulten noch relativ leicht hat - schließlich sind sie hier bei uns immer exotisch und werden es auch bleiben - hätte man es mit einem starken Heidentum ungleich schwerer, da viele Bräuche und Zeremonien im Volke noch lebendig sind und daher schwer bekämpft werden können. Das Heidentum ist etwas Bekanntes, mit unserer Kultur untrennbar verbunden und daher eine besondere Bedrohung. Auch würde die Kenntnis heidnischer Mythen die Herkunft vieler kirchlicher Zeremonien aus dem Heidentum entlarven und die Legenden von der "Kirche als Kulturbringer" würden wie ein Kartenhaus zerfallen.. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern man findet diese Tendenz, germanische Quellen abzuwerten, von Tacitus bis zu Grimms Märchen, auch auf dem Gebiet der Volkskunde toben heftige Auseinandersetzungen (etwa zum Thema Ostereier als heidnischen Brauch oder christliche Abgabeneier). Heidnische Forschung muß sich also besonders mit dieser Art von Quellenkritik auseinandersetzen.

Von der Wissenschaft werden verschiedene Argumente für eine jüngere Entstehungszeit der Edda vorgebracht. So wird die Frage gestellt, inwieweit einer Sammelhandschrift mit mehreren nach bestimmten Kriterien zusammengestellten Liedern wie der Edda, auch Sammlungen nur einzelner Lieder oder Liedgruppen vorausgegangen sein müßten. Derartige Sammlungen sind nicht erhalten, werden aber von der Wissenschaft vorausgesetzt, wobei die erhaltenen Fassungen der Edda das systematische Ende einer unsystematisch begonnenen Sammlung sein müßten. Diese vermuteten, aber nicht erhaltenen Vorstufen zur Sammelhandschrift der älteren Edda drängen die Entstehung der Sammelhandschrift in eine jüngere Zeit. Snorri Sturlusson schrieb im Vorwort seiner Heimskringla:

>Der Priester Ari inn fróði, ein Sohn von Þorgils Gellirsson, war der erste Mann hier zu Lande [Island] der in nordischer Sprache alte und neue Geschichten niederschrieb<.

Ari Þorgilsson inn fróði, der vermutlich auch Gode war, lebte von 1067 bis 1148, in seiner Zeit begann man mit dem Schreiben in altnordischer Sprache und könnte mythologische Einzellieder aufgezeichnet haben, eine Sammelhandschrift derartiger Lieder wie die Edda müßte dann jünger sein.

Sæmundur Sigfusson lebte von 1056 bis 1133. Es ist also rechnerisch möglich, daß Ari mit 19 Jahren (1086) begonnen hatte, Texte in Landessprache aufzuschreiben und Sæmundur es erst nach ihm, also ab 1087 tat. Da war Sæmundur 31 Jahre alt. Dann stimmt die Bemerkung Snorris in der Heimskringla, und dennoch kann Sæmundur als Aufzeichner der Eddalieder angesehen werden.

Es ist außerdem festzustellen, daß der Aufzeichner der Eddalieder wohl kaum bekanntgemacht haben wird, daß er heidnische Texte aufschrieb, da ihm das damals sicherlich Ärger eingebracht hätte. Island war christlich und die Christen duldeten einen derartigen Rückfall in die heidnische Welt nicht. Es ist also durchaus möglich, daß schon vor Ari jemand die Eddalieder gesammelt und aufgeschrieben hatte. Und daß eine derartige Sammlung notwendigerweise Vorstufen gehabt haben müsse, ist nicht zwingend erforderlich. Es ist sehr gut vorstellbar, daß die Lieder direkt aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnet worden sind.

Es wird von der Wissenschaft dann noch auf einzelne Formulierungen in Eddaliedern hingewiesen, die "alte Vorzeit" (forneskia, d. i. "Vorzeit") erwähnen und - so die Folgerung - somit nicht in dieser Zeit entstanden sind. So zum Beispiel im Lied HH. II, Schlußprosa:

>Es war Glaube im Altertum, daß Menschen wiedergeboren würden.<

Oder in den Fm. Prosa nach 1:

>Weil es im Altertum Glaube war...<

Ähnliche Stellen: Vsp. 1, HH. 36, HH. II 13 Pr., Od. 1, Vqv. Pr. 1, Hm. 2.

Diese "alte Zeit" kann aber auch innerhalb des Heidentums eine ältere Zeitepoche meinen, denn auch das Heidentum hatte sich immer wieder gewandelt, was man sehr gut am Wechsel der Bestattungssitten sehen kann: Dem Brandzeitalter (brunaold) folgte das Hügelzeitalter (haugsold), wie das Vorwort der Heimskringla berichtet. Der Begriff "alte Vorzeit" ist also nicht notwendig auf die heidnische im Gegensatz zur christlichen Zeit zu deuten.

Dann hat man auf bestimmte Götterlieder hingewiesen, in denen die Götter verspottet oder sehr negativ dargestellt werden, z. B. Lokasenna oder Hárbarðzljóð. Derartige Lieder - so meint man - könnten nicht mehr in der heidnischen Zeit entstanden sein. Als Gegenargument wurde vorgebracht, daß auch der Hinduismus entsprechende Spottlieder kennt und es durchaus möglich wäre, daß solche Lieder auch bei den Germanen schon in heidnischer Zeit existierten. Hier verspotten schließlich nicht Menschen Götter, sondern Götter einander, was ein großer Unterschied ist.

Schließlich wurde auf das Vorhandensein von Kenningar (dichterische Umschreibungen) in einigen Eddaliedern hingewiesen; derartige Kenningar wurden von den Skálden noch in christlicher Zeit häufig verwendet und ihr Vorhandensein soll beweisen, daß die betreffenden Eddalieder erst aus der späten Skáldenzeit stammen können. Dies ist allerdings überhaupt kein Beweis, denn schon in dem ältesten Eddalied, der Voluspá, finden sich einige Kenningar (Str. 27: Valfoðrs Pfand, Str. 48: der Bergwege Weiser, Str. 60: Weltumspanner, Str. 63: Windheim usw.), aber auch bei den älteren Skálden, z. B. Egill Skallagrímssón (9.-10. Jh.).

Die Aufzeichnung der Lieder der älteren Edda wird von den traditionellen Heiden dem isländischen Gelehrten und Geschichtsforscher Sæmundur Sigfússon inn fróði zugeschrieben. Sæmundur lebte von 1056 bis 1133, er war Góði (ursprünglich "Priester", in der christlichen Zeit aber nur noch "Häuptling") aus der Sippe der Oddaverjar. Sæmundur war nach den isländischen Volkssagen einer der letzten ganz großen germanischen Zauberer und entstammte einer heidnischen Priestersippe, denn auch seine beiden Schwestern, Halla und Flin waren große Zauberinnen (Ursula Mackert, Sagen aus Island, Frankfurt/M. 1978, S. 130). Um den christlichen Glauben genauer kennenzulernen, reiste Sæmundur zusammen mit zwei isländischen Freunden nach Frankreich, wo er (in Paris) studierte, sowie nach Rom und Norwegen. Auf dem Weg durch Mitteleuropa konnte Sæmundur die "Errungenschaften" der christlichen Feudalgesellschaft gut beobachten: Missionierungskriege, Leibeigenschaft, Unterdrückung und Unfreiheit. Wieder in seiner Heimat (1076) ließ sich Sæmundur zum Priester weihen - vermutlich aus taktischen Gründen - und begann damit, die alten heidnischen Lieder zu sammeln, um sie vor dem Vergessen zu retten und um in einer späteren Zeit dieses Weltbild wieder erneuern zu können. Diese Aufzeichnung der Eddalieder soll um das Jahr 1087 erfolgt sein. Als geweihter Priester konnte Sæmundur nicht wegen seiner heidnischen Sammlung angegriffen werden, außerdem wird er versucht haben, auf das christliche Priestersystem in einem heidnischen Sinne Einfluß zu nehmen. Damals gab es noch die sog. "Godenkirchen", d. h. die Goden betrieben eigene Kirchen wie in heidnischer Zeit die Tempel, und nahmen dafür den Kirchenzehent ein wie früher den Tempelzoll. Sie konnten verheiratet sein und waren von Weisungen der Kirchenoberen relativ unabhängig. Vor diesem Hintergrund ist Sæmundurs Unterstützung von Bischof Gizurr bei der Einführung des Zehents 1096 zu sehen. Sæmundurs Unterstützung der Bischöfe Ketill und Þorlákr bei der Einführung christlicher Gesetze im Jahre 1123 ist wahrscheinlich als inhaltliche Einflußnahme auf diese Gesetze, deren Einführung nicht zu verhindern war, zu deuten. Es ging also nicht darum, heidnische Gesetze durch christliche zu ersetzen, sondern darum, möglichst viele heidnische Gesetze in die schon seit Jahren geltenden Christengesetze hinüberzuretten.

Was Sæmundur sammelte und niederschrieb, war keine willkürlich zusammengewürfelte Sammlung älterer Bruchstücke durch einen Christen, sondern das Kern- und Hauptstück der alten heidnischen Religion. Da Sæmundurs Sippe, aber auch seine Freunde wie z. B. Bogi Einarsson, germanische Götterpriester (im christlichen Gewande) und Zauberer waren, wußten sie bei der Sammlung der Eddamythen sehr genau, was, in welchem Umfange und in welcher Reihenfolge sie da taten. Sæmundurs Sohn hieß Loptr, das ist ein Beiname des Gottes Loki. Schon diese Namensgebung zeigt, daß Sæmundur kein Christ gewesen sein kann. Im Jahre 1000 u. Zt. wurde durch Alþingbeschluß auf Island das Christentum eingeführt, wobei der damalige Logsogumaðr von den Christen bestochen war. Der Hauptgrund, warum viele Isländer das Christentum annehmen wollten, war der Wunsch nach einer Glaubens- und Rechtseinheit im Lande und mit Norwegen, gleichzeitig befürchtete man Übergriffe des norwegischen Herrschers Ólaf Tryggvason gegen Island und seine Unabhängigkeit, wenn man weiterhin heidnisch blieb, wo doch alle anderen nordischen Länder bereits christlich waren. Da Ólaf Tryggvason im Jahre 1000 starb, und auch Norwegen nun wieder 16 Jahre lang heidnisch wurde, ist zu vermuten, daß auch die Isländer sich nicht allzusehr um die Annahme des neuen Glaubens mehr kümmerten. Die Ausübung des Heidentums im privaten Bereich war bei diesem Glaubenswechsel sowieso weiterhin zugelassen, auch das Kinderaussetzen und Pferdefleischessen blieb erlaubt. Die Menschen um die alte Godenschule Oddi waren alle Goden und Heiden, und haben dafür gesorgt, daß die heidnischen Mythen nicht in Vergessenheit gerieten, weil sie selbst noch daran glaubten. Sie kämpften für die Selbstständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit von Oddi und ihren "Godenkirchen", also christlichen Kirchen (ursprüngliche Tempel), die von Goden (nun nur noch im Sinne von Häuptlingen) betreut wurden und in denen - das kann man vermuten - auch weiterhin im Verborgenen heidnische Feste gefeiert wurden.

Die isländischen Volkssagen schreiben die Sammlung der Eddalieder jedenfalls eindeutig Sæmundur zu (Jón Árnason, Íslenzkar Þjóðsögur og Aevintýri, Reykjavík 1954, S. 473-475), und auch als 1643 Bischof Brynjólfur Sveinsson von Skálholt die Haupthandschrift der älteren Edda (Konungsbók eddukvæða) wiederentdeckte, erinnerte er sich dieser Sage und setzte die Worte "Edda Sæmundi multisci" auf den Codex.

Die Volkssagen berichten übrigens auch davon, daß Sæmundur eine "schwarze Schule" zu Oddi (Südwest-Island) betrieben habe und dem Teufel manchen Streich spielte. Diese Sagen deuten auf die einstige Stellung Oddis als Goden- und Skáldenschule, und so wundert es nicht, daß auch Snorri Sturlusson hier zeitweilig lebte.

Es gibt also keinen Grund, an Sæmundur als Sammler der Eddalieder zu zweifeln. Derartige Lieder konnten in christlicher Zeit nur noch im kleinen Kreise der alten Godensippen weitergegeben und aufgezeichnet werden, und diese Kreise hatten Oddi, die ehemalige Godenschule, als Mittelpunkt. Noch bis 1300 hatte die Pfarrei zu Oddi bestimmte Sonderrechte was ihre Selbstständigkeit betraf und das Recht, den Kirchenzehnten selbst zu kassieren, die von ihrer einstigen Bedeutung als Godenschule herrührten.

Aus dem Angeführten ergibt sich, daß in der Edda sicher kein christlicher Einfluß vorliegt. Nichtsdestotrotz hat man z. B. in der Strophe Voluspá 65, wo vom "Starken von Oben" die Rede ist, der nach dem Ragnarokr kommen wird und ewige Satzungen anordnet, einen christlichen Einfluß sehen wollen. Dieser "Starke von Oben" könnte doch Christus sein, der den alten Glauben ablöst und das christliche Gesetz einführt. Aber bedenken wir, daß Sæmundur die Sammlung bereits in christlicher Zeit veranstaltete, und daß mithin diese christliche Satzung bereits eingeführt war, während das Kommen des "Starken" in der Voluspá in der Zukunft spielt, dann geht dies nicht zusammen. Ein anderes Argument gegen christlichen Einfluß in dieser Strophe ist ein Vergleich mit der kürzeren Voluspá (Voluspá in skamma), die den Schlußteil des Hyndluljóð bildet und gleichfalls eine entsprechende Strophe aufweist, wo sogar noch ein weiterer "Starker" kommen wird. Mithin müssen diese Strophen recht alt sein, da sie in beiden Voluspá an gleicher Stelle vorkommen. Wahrscheinlich ist in diesen Strophen die Wiederkehr von Óðinn und Þórr gemeint. Umgekehrt finden wir sogar in einem Lied, das gar nicht in den ältesten Eddahandschriften enthalten ist (und dementsprechend als "jünger" gilt), dem Grógaldr, eine Strophe die beweist, daß diese Fassung aus heidnischer Zeit stammen muß. Da warnt nämlich Gróa ihren Sohn in Str. 13 vor einem "getauften toten Weib". Das "tote Christenweib" ist hier Schreckgespenst, weil zur Zeit der Abfassung des Liedes Christen im Norden noch selten und unbekannt waren, so daß man sie als Kinderschreck bezeichnen konnte.

Weiterhin wurde versucht, in den Hávamál der älteren Edda antiken Einfluß nachzuweisen. Denn ganz ähnliche Spruchsammlungen kennen wir bereits als Disticha Catonis aus dem 3. und 4. Jh. Diese fälschlich dem älteren Cato zugeschriebenen lateinischen Lebenslehren waren das verbreitetste Schulbuch im Mittelalter und sollten durch das Auswendiglernen der Distichen den Schülern sowohl Lateinunterricht sowie moralische Unterweisung geben. Schon im ersten grammatischen Traktat (um 1150) werden die Disticha Catonis zitiert, eine eigene isländische Bearbeitung und Übersetzung aus dem 12. Jh. im Versmaß Ljóðaháttr sind die Hugsvinnsmál ("Lied des Weisen"). Man hat zwischen den Hugsvinnsmál und den Hávamál gegenseitige Entlehnungen angenommen.

Bedenken wir aber, daß die Hávamál eine Sammlung von Lebensregeln des Gottes Óðinn sind, die es ähnlich auch bei den Südgermanen gegeben haben muß, dann ist verständlich, daß veränderte Reste und Umarbeitungen dieser Lebensregeln auch noch in christlicher Zeit kursierten. Die Disticha Catonis können wir als einen derartigen Ausläufer der einstigen Götterdichtung der Südgermanen ansehen; ähnliche Dichtungen kannten auch Römer und Griechen. Mögliche Ähnlichkeiten zwischen den Hávamál und der Disticha Catonis bedeuten also nicht, daß die Hávamál von den Distichen übernommen wurden, sondern daß beide Werke auf ein und denselben Ursprung zurückgehen, einer heidnischen Lebensregelsammlung der Götter. Außerdem konnte der Skálde Eyvindr Skáldaspillir in seiner Hákonarmál (Str. 21), die auf den Tod König Hákons des Guten 961 gedichtet war, die Strophenanfänge Hávamál 76f zitieren, er setzte deren Kenntnis also voraus. Somit waren die Hávamál bereits 961 vorhanden und allgemein bekannt, eine Dichtung nach dem Vorbild der Hugsvinnsmál die ja erst aus dem 12. Jh. stammt, ist also nicht möglich. Auch zum noch älteren Beowulfepos (Verse 1381ff) haben diese beiden Hávamál-Strophen eine Ähnlichkeit.

Zur Datierung gerade der Hávamál sei auch auf das "Runenaufzählstück Óðins" hingewiesen. Der "Rúnatalsþáttr Óðins" bildet den letzten Teil der Hávamál und hier finden sich Strophen, denen man zwanglos die jüngere Runenreihe zuordnen kann. In Ausgaben seit 1883 tragen diese Strophen den in den Handschriften nicht vorhandenen Namen "Ljóðatal" (Zauberstrophen) was ihren Bezug zu den Runen verschleiert. Bei der Zuordnung geht der Þáttr von einer Reihenfolge der letzten drei Runen aus, die lautet: maðr, logr, ýr, nicht von der erst ab etwa 1200 bezeugten Reihenfolge: logr, maðr, ýr, die man hier erwarten müßte, wäre die Edda erst so spät entstanden.

Nahezu wörtliche Textparallelen zu einer Zeile in Voluspá 3 finden sich sowohl im Wessobrunner Gebet (um 814), als auch auf dem schwedischen Runenstein von Skarpåker (11. Jh.), einer altenglischen Zauberformel des 8. Jhs. und in den baltowendischen Hymnen (Koljadken), die allerdings erst gegen Ende des 19. Jh. aufgezeichnet wurden. Diese Parallelen beweisen, daß diese Texte in ganz Germanien verbreitet gewesen waren:

Voluspá: Jorð fannz æva né upphiminn.
Wessobrunn: Dat ero ni uuas noh ufhimil.
Skarpåker: Iarþ sal rifna uk ubhimin.
Zauberformel: eorðan ic bidde and upheofon.
Koljadka: Als im Anfang die Welt nicht war,
nicht war dann auch der Himmel,
noch die Erden.

Diese Formel findet sich übrigens auch im altsächsischen Heliand (Vers 2886) (9. Jh.), in den angelsächsischen Epen Andreas (Vers 799) und Crist (Vers 968) sowie in einer Runeninschrift von Ribe, Nordjütland (spätes 13. Jh.).

Wie alt diese Formulierung tatsächlich ist, beweist ein Vergleich mit dem altindischen Rigveda.(ca. 2000 v. u. Zt.). Dort findet sich eine Parallele im 129. Gesang des X. Liederzyklus:

>Nicht war Nichtsein noch Sein am Anfang, nicht war der Luftraum, noch der Himmel darüber<.

Eine Entlehnung aus der Voluspá findet sich auch in der Þorfinnsdrápa des Arnórr Járlaskáld um 1065, und beweist, daß dieses Lied schon vor Sæmundurs Aufzeichnung bekannt und verbreitet war.

Schließlich finden sich weitere Indizien für eine Datierung. Wäre die Edda erst um 1270 auf Island entstanden, dann wäre es sehr merkwürdig, daß in den Liedern Island selbst gar nicht vorkommt. Wir finden solche Volksstämme wie die Goten (wahrscheinlich die Festlandsgoten) z. B. in den Liedern: Vsp. 31; Grm. 2; Ghv. 2, 8, 16; Hm. 3, 12, 31; Grp. 35; Br. 11; Gðr. II 16; Aqv. 21; Hlr. 8; die Burgunder erwähnt Aqv. 21, die Hunnen werden genannt in Ghv. 6, 3; HH. II Pr. vor 1; Gðr. I 6; Od. 1, 4; Aqv. 2-4, 7, 13, 16, 18, 28, 35, 39, "deutsche Männer" nennt Br. Schlußpr., den Rhein nennen Grm. 27; Vqv. 14; Rm. 14 Pr.; Br. 5; Sg. 17; Aqv. 19, 28, die russischen Flüsse Danp, Dnepr bzw. Dwina nennen Grm. 28; Aqv. 5 und Rþ. 49.

Nun kann man natürlich argumentieren, die Edda beschränke sich auf die ursprünglich deutsche Siegfried- und Nibelungensage und muß daher Namen dieser Region enthalten. Dies erklärt aber nicht derartige Namen in Götterliedern oder das Fehlen nordischer Namen (mit Ausnahme der Niáren im Vqv. 6, einem Stamm in Schweden, heute Nerike, sowie den Finnen in Vqv. Anfangsprosa, auch Grönland wird in Aqv. nach Str. 43 erwähnt). Auch schon allein die Auswahl der Heldensagen in der älteren Edda zeigt, daß sie auf deutsche bzw. südgermanische Quellen oder Erzähler zurückgehen muß. Die Sigurðsage hat als historische Vorläufer den Untergang der Burgunden durch Attila (um 400), der geschichtliche Vorläufer des Sigurðr ist Arminius (gest. 21 u. Zt.). Im Br. Schlußprosa werden sogar "þýðverskir menn" ("deutsche Männer") als Gewährsleute genannt.

Auch die Namen der Tier- und Pflanzenarten in der älteren Edda deuten nicht auf eine Entstehung auf Island, z. B. die Esche (Vsp. 19) oder Eiche (Hrbl. 22), die auf Island gar nicht vorkommen.

Es ist bekannt, daß viele Heiden aus dem Frankenreich, besonders aus Norddeutschland, im Zuge der von Karl dem "Großen" begonnenen gewaltsamen Missionierung nach Norwegen flüchteten. Als auch in Norwegen die Ausbreitung des Königtums stattfand, übersiedelten diese Heiden nach Island. Island hat also in seiner Bevölkerung neben den norwegischen und irischen auch deutsche Wurzeln.

Wie eine christlich veränderte Dichtung damaliger Zeit aussieht, zeigt sehr gut das Sólarljóð auf. Es handelt sich um ein 82 Strophen umfassendes Gedicht im Ljóðaháttr, welches eine Belehrung eines Toten an seinen Sohn ist. Hier werden u. a. die Qualen der Sünder beschrieben und die Götter werden kritisiert, z. B. Str. 77:

Frigg, Óðins Frau, fährt auf der Erde Schiff
Zu der Wollust Wonne,
Ihre Segel senkt sie spät,
Die an harten Tauen hangen.

Oder in Strophe 80, wo Svafr (wohl Óðinn) als böse bezeichnet wird:

Welche Gewalttaten wirkten nicht
Svafr und Svafrlogi!
Blut weckten sie, Wunden sogen sie
Tödliche, bitterböse.

Obwohl sich in dem Liede, welches wohl zur Bekehrung von Heiden verfaßt wurde, auch heidnische Bestandteile finden, ist es doch eindeutig ein christliches Lied, wie z. B. Str. 75 zeigt:

Allmächtiger Vater, gleichmächtiger Sohn,
Heiliger Geist des Himmels,
Dich bitt ich, nimm die du erschaffen hast
Uns aus dem Elend alle.

Eine derartige Strophe, oder Strophen die hiermit Ähnlichkeit haben, finden sich nicht in der Edda, daher können wir davon ausgehen, daß keinerlei christlicher Einfluß vorhanden ist. Die Lieder der Edda sind so durch und durch heidnisch, daß ein einzelner christlicher Einschub überhaupt keinen Sinn hätte. Ein frommer Christ hätte derartige Lieder nur vernichten können, eine christliche Umarbeitung wäre einer Neufassung gleichgekommen. D. h. es gibt gar kein Motiv dafür, daß in diesen heidnischen Liedern eine einsame christliche Strophe eingefügt worden sein sollte. Auch die Weltverneinung des Sólarljóð findet sich nicht einmal ansatzweise in der Edda. Forscher datieren das Sólarlióð auf die Zeit um 1200, also nach ihrer Meinung sogar noch 70 Jahre vor die ältere Edda. Der Unterschied der Texte ist aber so gravierend, daß von einer späteren Entstehung der Edda nicht ausgegangen werden kann.

Das höhere Alter der Eddalieder im Gegensatz zu den ältesten Skáldenstrophen ergibt sich auch aus formalen Gründen: Die Skáldenstrophen weisen eine genau festgelegte Silbenanzahl auf und haben Strophen je nach Versmaß mit 6 oder 8 Zeilen. Die Eddastrophen haben freie Silbenanzahlen, die von Zeile zu Zeile wechseln können, außerdem ist der meist vierzeilige Strophenbau nie konsequent vorhanden, d. h. es wechseln sich kürzere Strophen oder längere mit den am häufigsten vorkommenden Vierzeilern. Wären die Eddalieder von Skálden gedichtet, dann müßten wir auch die skáldischen Versmaße vorfinden, außerdem wären die jeweiligen Skálden namentlich bekannt, da sie ihre Strophen oder Gedichte nicht anonym überliefert haben. Man war auf seine eigene Dichtkunst stolz und setzte seinen Namen unter die Strophen, selbst wenn es mythologische Gedichte waren wie z. B. die Þórsdrápa des Skálden Eilífr Goðrúnarson (Ende des 10. Jhs.).

Zuletzt sei darauf hingewiesen, daß sich viele der in der Edda enthaltenen Göttermythen auch schon in altindischen Quellen in ähnlicher Weise finden; selbst zwischen Namen germanischer und altindischer Gottheiten bestehen etymologische Verwandtschaften (etwa Óðinn-Wodan und Vata [Rudra], Þórr-Donar und Taranis [Indra], Týr-Tius und Dyaush oder Frigg-Fria und Prithivi usw.).

So findet sich z. B. auch der Mythos des Skm., wo Freyr voll Sehnsucht auf eine Vereinigung mit Gerðr wartet und Seinen Diener Skírnir als Werber aussendet, bereits in celtischen Quellen. Hier ist es Oengus (= Ingwaz, Freyr), der sich nach einer Schönen aus der Andernwelt sehnt. Derartige Beispiele lassen sich für fast alle Eddalieder bringen.

Der Forscher Norbert Oettinger verglich z. B. die eddische Hymisqviða mit verschiedenen Rigvedahymnen (Rg. IV, 18; IV, 27, III, 48; VIII, 7; I, 51) und stellte die Verwandtschaft der Mythen eindeutig fest (Isländische Edda und indische Veden - Ein mythologischer Vergleich, in: Große Werke der Literatur. Eine Ringvorlesung an der Universität Augsburg, Augsburg 1990, S. 9-20).

Schon 1893 veröffentlichte Prof. Fredrik Sander seine Arbeit "Rigveda und Edda - Eine vergleichende Untersuchung der alten arischen und der germanischen oder nordischen Mythen" (Stockholm 1893), und 1922 brachte Otto Sigfrid Reuter sein zweibändiges Werk "Das Rätsel der Edda und der arische Urglaube" (Sontra 1922) heraus.


Die Jüngere Edda

Während die Frage des Sammlers der Lieder der älteren Edda umstritten ist, ist die Sache bei der jüngeren Edda recht eindeutig, weil im Uppsalabók (einer Handschrift der jüngeren Edda) eine Vorbemerkung zu finden ist:

>Bók þessi heitir Edda. Hana hefur saman setta Snorri Sturlu sonur eftir þeim hætti sem hér er skipað...<

hier ist auch der Name "Edda" zu finden, der auch auf die ältere Edda übertragen wurde. Die Diskussion beschränkt sich also auf die Fragen, welche Quellen Snorri vorlagen und inwieweit christlicher Einfluß vorhanden ist. Snorri Sturluson lebte von 1179 (oder 1178) bis zum 23. 9. 1241 und war (wie Sæmundur) nominell Christ; zu dieser Zeit konnte man gar nicht mehr Heide sein, ohne in Lebensgefahr zu geraten. D. h. alle Eddaüberlieferer waren äußerlich Christen. Aber die Frage ist, ob sie innnerlich dem christlichen oder dem heidnischen Glauben zugehörten.

Gehen wir also zunächst der Frage nach, welche Quellen Snorri für seine Zusammenstellung vorlagen.

Der erste Hauptabschnitt der jüngeren Edda trägt den Titel "Gylfaginning", das bedeutet "Gylfis Vision". Gylfi war ein sagenhafter schwedischer König, der auch in der Ynglinga saga erwähnt wird, und der zu den Göttern nach Ásgarðr reiste und dort unter Benutzung des Óðinskultnamens Gangleri eine Vision erhielt. Diese Vision hat er später weitererzählt, wie die Eptirmáli (Nachbemerkung) der Gylfaginning (Kap. 54) belegen:

>Alsbald hörte Gangleri von allen Seiten lautes Krachen und schaute unwillkürlich zur Seite. Als er sich weiter umsah, stand er draußen auf flachem Felde, sah keine Halle und keine Burg. Da wanderte er seiner Wege, kam heim in sein Reich und erzählte, was er gesehen und gehört hatte; ihm haben es dann andere nacherzählt<.

In der schon zitierten Vorbemerkung im Uppsalabók heißt es von dem Edda genannten Buch:

>Zusammengestellt hat es Snorri Sturluson...<

Wir können also davon ausgehen, daß die Vision des Königs Gylfi bereits bekannt und verbreitet war, und Snorri Sturluson dann lediglich die Texte zusammengestellt hatte, und zwar in ähnlicher Dialogform, wie z. B. die Dialogi Gregorii (im 12. Jh. auch ins Isländische übersetzt), der Elucidarius (ca. 1080-1137 entstanden, eine isländische Übersetzung von 1200 ist erhalten) oder der Konungsskuggsjá (in Norwegen um 1260 verfaßt). Mögliche Fehler in der Überlieferung rühren daher, daß Snorri oder seine Vorgänger Einzelheiten vergessen oder nicht mehr verstanden haben könnten.

Daß der Titel "Gylfaginning" als heidnische Bezeichnung bekannt war, belegt die Tatsache, daß jüngere Handschriften (Abschriften) der jüngeren Edda über diesen ersten Abschnitt den Titel "Hárs Lygi" ("Hárs Lügen") setzten, um den Titel "Gylfaginning" zu vermeiden. Hárr ("der Hohe") ist ein Beiname des Gottes Óðinn.

Bleiben wir noch kurz bei Snorri Sturluson. Obwohl er aus einer der reichsten Sippen Islands stammte (sein Vater war der Gode Sturla Þorðarson, seine Mutter Guðny Böðvarsdóttir stammte aus der Sippe des Skálden Egill Skallagrimsson, verwandt war Snorri auch mit den Skálden Markús Skeggjason und Einarr Skúlason), wurde er nicht zu Hause aufgezogen, sondern kam mit drei Jahren zu Jón Loptsson nach Oddi. Snorri wuchs also in der berühmten ehemaligen Godenschule auf, in der auch schon Sæmundur gewirkt hatte, "er muß da eine vorzügliche Schule und vielseitige Ausbildung erhalten haben" (Hans Kuhn, Das Alte Island, Düsseldf., Köln 1978, S. 198). Jón Loptsson war ein Enkel Sæmundurs, er war Gode und "der angesehenste und einflußreichste Isländer seines Zeitraums. Ein besonderes Vertrauen genoß er als unbedingt gerechter und sachlicher Schiedsrichter in schwierigen Streitfällen" (H. Kuhn, S. 285).

Jóns Mutter war eine uneheliche Tochter des norwegischen Königs Magnús berfættr. Snorri blieb bis zu seiner Heirat 1202 in Oddi und war nun 23 Jahre alt. Er lebte dann in Borg, wo er zuerst die Godenwürde (als nur noch weltliches Häuptlingsamt) erhielt. Von 1215 bis 1218 sowie von 1222 bis 1231 wurde er Logsogumaðr (Gesetzessprecher), das höchste Amt Islands. Wahrscheinlich wurde es als nichtreligiöser Ersatz für das heidnische Amt des Allsherjargóðí (obersten Goden) eingeführt und in den Sogur auf die Zeit der Missionierung zurückdatiert oder war ein zusätzlicher Titel des Allsherjargóði. In Norwegen wird Snorri 1218 skutillsvein (Diener an der königlichen Tafel) im Königsgefolge, von Skúli und Hákon wird Snorri um 1220 zum lendr maðr (höchster Rang nach Jarl) gemacht, 1239 verleiht Skúli Snorri den Titel Jarl was vorerst geheimgehalten wurde und wohl auf Island bezogen werden sollte. Da Snorri für Islands Unabhängigkeit und gegen König Hákon war und sich dessen Befehl widersetzt hatte, wurde er im Auftrage Hákons 1241 ermordet.

Immer wieder wird behauptet, Snorri Sturluson sei auch innerlich Christ gewesen. Dies stimmt eindeutig nicht. Schon seine Verbundenheit mit den Vertretern der alten Godensippen brachte ihn sicher mit dem heidnischen Denken zusammen, welches sich noch deutlich hinter christlicher bzw. weltlicher Façade erhalten hatte. Die Zusammenstellung der jüngeren Edda ist vielmehr als eine Ergänzug oder Fortführung von Sæmundurs Sammlung anzusehen und ein Zeugnis für die innere heidnische Einstellung Snorris. Diese kann man auch an den folgenden Sätzen aus der Gylfaginning (Kap. 3, 20, 6) entnehmen, die ein Christ sicher unterdrückt hätte:

>Er (Óðinn) lebt durch alle Zeitalter und beherrscht sein ganzes Reich und waltet aller Dinge, großer und kleiner<.

>Welches sind die Ásen, denen die Menschen es schuldig sind, an sie zu glauben?<

>Und das ist mein Glaube, daß dieser Óðinn und seine Brüder die Regierer von Himmel und Erde sind. Wir glauben, daß dies sein Name ist. Es ist der Name des Größten und Vornehmsten, den wir kennen, und auch ihr könnt ihm wohl diesen Namen geben.<

Selbst der Eddaübersetzer Karl Simrock, sonst dem germanischen Heidentum nicht ablehnend gegenüberstehend, empfand diese Sätze als so heidnisch, daß er den zweiten Satz abschwächte "...an die die Menschen glauben sollen" und den dritten Satz einfach kürzte und seinen 2. Teil (ab: "Wir glauben...") in seiner Übersetzung wegließ.
Auffällig ist weiterhin, daß sich Snorri niemals zum Priester weihen ließ, obgleich er ja Godenkirchen betrieb und davon Einnahmen erzielte. Dies deutet man darauf, daß Snorri das Christentum innerlich ablehnte, wenngleich er natürlich auch nicht mehr die Möglichkeit hatte oder in Betracht ziehen konnte, dieses wieder abzuschaffen.

Unbestritten gibt es christliche Einflüsse in der jüngeren Edda. Wenn in den Skáldskaparmál etwa die Kenningar für "Krist" (Christus) mit angegeben sind, weil das Heidentum so tolerant war, auch die Anrufung dieses Gottes zuzulassen, und außerdem die Skálden auch die "Heitis" (Benennungen) für christliche Lieder kennenlernen sollten, dann ist dies eindeutig ein christlicher Einfluß.

Aber Wissenschaftler haben auch versucht, in den anderen Teilen der jüngeren Edda christliche Gedanken aufzuspüren. So hat man z. B. auf die Strophe Voluspá 3 hingewiesen, die im Kap. 4 der Gylfaginning verändert zitiert wird. Während diese Strophe in der Voluspá beginnt: >Einst war das Alter, da Ymir lebte...<, fängt die Strophe in der Gylfaginning so an: >Einst war das Alter, da alles nicht war<. Sollte Snorri Sturluson hier etwa die Schöpfung der Welt aus dem Körper des Urriesen Ymir durch die christliche Vorstellung einer Schöpfung aus dem Nichts ersetzt haben, wie behauptet wurde? Nein, die Erklärung für diese Strophenänderung ergibt sich vielmehr aus dem Textzusammenhang. Im Kap. 4 der Gylfaginning wurde ja noch gar nichts vom Urriesen Ymir gesagt, so daß seine Erwähnung in der Strophe irreführend gewesen wäre. Ymirs Erzeugung wird erst im 5. Kapitel beschrieben, seine Tötung im 7., und dort wird sehr genau die Schöpfung aus dem erschlagenen Urriesen beschrieben. In der jüngeren Edda ist also keineswegs die christliche Schöpfung aus dem Nichts enthalten, sondern die heidnische Schöpfung aus Ymir, die zitierte Strophe ist in die Handlungsdramatik eingefügt und daher angepaßt.
Ein anderes Beispiel sind die 12 Óðinsnamen in der Gylfaginning 3. Unter diesen 12 Namen findet sich nicht der Name "Óðinn" selbst, stattdessen aber Beinamen wie z. B. Alfoðr (Allvater). Und es heißt, der Gott lebe durch alle Zeitalter. Dies schien den Vorstellungen des Todes Óðins im Ragnarokr zu widersprechen, daher glaubte man, Snorri hätte hier auch den christlichen Gott gemeint. Aber wer sich intensiv mit den Ragnarokr-Vorstellungen befaßt, der erfährt, daß Óðinn keineswegs stirbt und daß es also kein Widerspruch ist, daß Óðins Tod (auf der irdischen Ebene) erwähnt wird und dennoch Óðinn weiterlebt (sehr wahrscheinlich ist Óðinn der berühmte "Starke von Oben" der nach dem Ragnarok wiederkommen wird).

Zuletzt sei darauf hingewiesen, daß nicht nur Snorri Texte der jüngeren Edda aus mythologischen Überlieferungen zusammenstellte, sondern auch ältere Überlieferer hier mitgewirkt hatten. So berichteten isländische Gelehrte, Magnús Ólafsson (ca. 1573-1636), Björn Jónsson á Skardsá (1574-1655) und Arngrímur Jónsson (1568-1648), daß die jüngere Edda das Werk zweier Verfasser sei: Sæmundur habe den Grund gelegt, und Snorri Sturluson habe auf dessen Arbeit weitergebaut und das Ganze abgeschlossen. Schon Sæmundurs Buch habe Edda geheißen. Speziell werden Wörterverzeichnisse erwähnt, die Sæmundur angelegt und Snorri vermehrt habe. Als Quellen dieser Nachricht nennen die Historiker die "heimischen Denkmäler und Altertümer", das sind Pergamente aus dem Mittelalter, die während des 17. Jhs. auf Island umgekommen sind (G. Neckel, F. Niedner, Die jüngere Edda, Düsseldf., Köln 1966, Vorwort S. 8f). Insbesondere die den Skáldskaparmál angehängten Wörterverzeichnisse stammen von Sæmundur. Es heißt (G. Neckel, F. Niedner S. 15):

"Die Synonyma für Himmel, Sonne und Mond, die dort angeführt werden, und von denen gesagt wird, sie ständen geschrieben, sind von Sämund gesammelt, offenbar aus Dichtern, die also auch Sämund als Quellen so wenig verschmäht hat wie die Synonymiker des Mittelalters die antike Posie".

Die jüngere Edda ist also in vielen Teilen älter, als die Zeit ihrer Zusammenstellung durch Snorri um 1220.

Ihr Formáli (Prolog) ist umstritten: Ist er echt, oder ein späterer Zusatz? Vermutlich wurden die Formáli verfaßt, um den heidnischen Inhalt der Hauptteile der jüngeren Edda überhaupt schreiben zu dürfen. Mit einer christlichen Einleitung versehen war die Gefahr etwas geringer, als Heide entlarvt und vielleicht hingerichtet zu werden. Gleichzeitig findet sich in diesem Text eine wichtige, aber verschlüsselte Deutungsanweisung, die hier nicht weiter besprochen werden soll.



Verfasser der Eddalieder

Wenn wir nun berücksichtigen, daß Sæmundur und Snorri lediglich Zusammensteller, Sammler bzw. Aufschreiber der Eddalieder waren, wer waren dann ihre Dichter?

Die Wissenschaftler behaupten, die Eddalieder seien anonym überliefert, während wir bei den Skáldenstrophen und -liedern fast immer den Namen des Skálden kennen.

Schon diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Viele Eddalieder tragen nämlich durchaus Namen, die auf ihre Verfasser hinweisen. So bedeutet etwa der Titel "Voluspá" einfach "Weissagung der Volva". Eine Volva ist eine Seherin, modern könnte man sie auch als Medium bezeichnen. Eine Seherin oder ein Medium hat also diese Vision von Weltschöpfung und Untergang erhalten und andere, wahrscheinlich Goden oder Skálden, haben diese Vision aufgeschrieben bzw. mündlich weitergegeben. Dieses Lied ist also überhaupt nicht anonym überliefert. Auch Egill Skallagrimsson, der im 9. Jh. lebte, hat seine Verse nicht selbst aufgeschrieben, sie finden sich z. B. in der lange nach seinem Tode um 1230 verfaßten Egils saga Skallagrimssonar. Wir müssen also eine Reihe von Überlieferern annehmen, die mythologische Lieder, aber auch Sagas und Skáldenstrophen auswendig kannten und mündlich weitergaben, bis die Texte schließlich zu Papier oder Pergament gebracht wurden.

Einige Titel von Eddaliedern zeigen deutlich auf, daß Gottheiten als Verfasser angesehen werden können, wie Grimnismál, Vegtamsqviða, Hávamál, Hárbarðzljóð, Lokasenna, Grógaldr, Fjollsvinnzmál, Rígsþula oder Brageroður. In den Hávamál, die von Óðinn selbst erzählt werden, gibt der Gott einige Beispiele für Seine Erlebnisse, die ja nur Er selbst wissen kann. Auch die Grimnismál gelten als "Worte der Götter"; dies bestätigt auch die jüngere Edda, denn in der Gylfaginning Kap. 41 wird die Strophe Grimnismál 44 angeführt mit den Worten:

>Svo er hér sagt í orðum sjálfra ásanna:<

("So heißt es hier mit der Ásen eigenen Worten:").

Das Verhältnis von ursprünglicher Dichtung, die schon aus vorindogermanischer Zeit stammen kann, zu den in der Edda enthaltenen Liedern ist schwer zu bestimmen. Bei den Runenstrophen in den Hávamál (Str. 146-163) liegt zweifellos die jungnordische Runenreihe zu Grunde. Ordnet man zu jeder Strophe das entsprechende Runenzeichen dieser Reihe, die sich zwischen 650 und 800 u. Zt. aus der gemeingermanischen Runenreihe entwickelte, ergeben sich deutliche Übereinstimmungen der Bedeutungen. Das Runenlied selbst hatte sicher ursprünglich 24 Strophen für alle 24 Runen. Mit der Zeit kamen acht Runen außer Gebrauch, und somit änderten die Überlieferer der Runenstrophen die Anordnung auch und paßten den Text nach und nach der jüngeren Runenreihe an. Aber zwei Strophen zu Runen der älteren Reihe waren noch nicht vergessen, sie wurden an den Text angehängt (Háv. 162, 163). Derartige Veränderungen ursprünglicher mythologischer Texte sind also schon auf Grund der Tatsache der jahrhundertelangen mündlichen Weitergabe sowie der Sprachentwicklung vorhanden. Außerdem gibt es Eingriffe von Überlieferern, z. B. Snorri, die gleichfalls erkennbar sind. Zuweilen ging auch der Bezug zu einer bestimmten Gottheit verloren, wenn es nun z. B. Liedertitel wie "Þrymsqviða" gibt, die also den (erschlagenen) Riesen Þrymr als Verfasser andeuten, was ja nicht möglich ist. Dieses Lied wird vielleicht ursprünglich einen auf den Gott Þórr weisenden Titel getragen haben, und immerhin tragen seine Ausläufer in Skandinavien immer noch Titel wie "Tord af Havsgaard" (ursprünglich "Þórr von Ásgarðr") oder "Torekal" ("Þórr Karl").
Wir können die Lieder der Edda also eindeutig als Äußerungen der Götter ansehen, die lediglich durch ihre lange mündliche Überlieferung etwas verändert wurden; diese Veränderungen müssen nicht im Sinne von Verfälschungen verstanden werden, denn die Menschen der heidnischen Zeit trugen sicher dazu bei, Unklarheiten in den Überlieferungen im heidnischen Sinne zu klären. Die Menschen dieser Zeiten hatten noch so innige Beziehungen zu den Göttern, daß Fehler in den heiligen Texten leicht ausgeräumt werden konnten. Wenn z. B. noch im Heere von Jarl Hákon, auf dessen Seite auch seine Schutzgöttin Þórgerðr Holgabruð kämpfte, gesagt wird (Jómsvíkinga saga 15, Thule 19, S. 428):

>Harald der Schläger sah zuerst Holgabruð im Heere Jarl Hákons, und viele andere hellseherische Männer<

dann zeigt dies, daß viel mehr Menschen damals hellsichtig waren, als heute und spirituelle Dinge leicht von diesen "überprüft" werden konnten. Darum ist es für uns auch nicht nötig, zu den ältesten vorindogermanischen Ursprüngen der Götterlieder vorzudringen, sondern wir können uns mit den vorliegenden Liedern gut begnügen.


Naturmythologische Deutung

Wir kommen nun zu der Frage, welchen Wert für uns traditionelle germanische Heiden die Eddalieder haben. Was können heutige Menschen der Edda (gemeint sind die jüngere wie ältere Edda) entnehmen?

Kultische Einzelheiten, etwa den Ablauf der Blóts, finden wir hier nicht, auch sind nur sehr wenige Gebete enthalten, wie ja auch in der Bibel kein kompletter Meßablauf beschrieben ist.

Die Edda hilft uns aber, die Götter selbst näher kennenzulernen, wie Sie handeln, reagieren und welche Charaktereigenschaften Sie haben. Dieses Wissen kann uns helfen, den Göttern näher zu kommen, mit Ihnen zu kommunizieren. Die Götter sind keine abgehobenen, undurchschaubaren und unnahbaren Wesenheiten, sondern haben Persönlichkeit und Eigenschaften, wie Menschen auch. Damit sind Sie der menschlichen Ebene näher und können von Menschen angerufen werden. Dieses Verhältnis sollte aber nicht mit Kumpelei verwechselt werden, immer hatten unsere Vorfahren auch den nötigen Respekt vor den Göttern.

Wir können auch die Werte, die sogar das Handeln der Götter bestimmen, kennenlernen und selbst versuchen, danach zu leben. In den Lebensregeln der Edda (z. B. in den Hávamál und Sigrdrífumál) stehen uns Anleitungen für unser eigenes Verhalten im Alltag zur Verfügung.

Dann enthält die Edda die Mythen von der Weltschöpfung (Kosmogonie), der Menschenschöpfung (Anthropogonie), der Weltbeschaffenheit (Kosmologie) und des Weltunterganges (Eschatologie). Diese Mythen können uns helfen, unseren Platz im Universum zu finden, Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Evolution zu beantworten, und Auskunft über das Leben nach dem Tode zu geben. Die großen mythischen Bilder der Edda zeigen uns auch, welche Kräfte im Kosmos zusammen oder gegeneinander wirken.
Schließlich sind alle Eddalieder auch auf naturmythologischer Ebene deutbar. Die naturmythologische Deutungsebene, für die Ludwig Uhland einer der Wegbereiter war, wird von der modernen Forschung meist ignoriert oder verworfen, nur wenige Forscher halten an ihr fest. Hintergrund dieser Deutungsebene ist die Feststellung, daß jede Gottheit auch in entsprechenden Naturerscheinungen sich äußert oder wirkt. Nicht die Naturerscheinung ist die Gottheit, sondern die Naturerscheinung ist ein in der materiellen Welt sichtbares Bild oder Gleichnis für die Götterkraft.

Der Chronist Adamus Bremensis schrieb in seiner Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum über die Zuständigkeiten der drei Götter Þórr, Óðinn und Freyr (IV, 26):

>"Thor", sagen sie, "hat den Vorsitz in der Luft, er lenkt Donner und Blitz, gibt Winde und Regen, heiteres Wetter und Fruchtbarkeit. Der andere, Wodan, d. h. Wut (furor), führt Kriege, und gewährt dem Menschen Tapferkeit gegen seine Feinde. Der dritte ist Fricco; er spendet den Sterblichen Frieden und Lust<.

Zu Adams Zeit (er starb 1085) war also der Bezug einzelner Gottheiten zu entsprechenden Naturerscheinungen wie Donner, Blitz, Wind oder Regen noch bekannt. Auch in der jüngeren Edda werden die Naturbezüge einzelner Götter erwähnt, z. B. wird in der Gylf. 22 Baldr so charakterisiert: >Er ist so schön von Antlitz und so glänzend, daß ein Schein von ihm ausgeht<. Hier ist sicher eine Andeutung auf Baldr als Licht- und Sonnengott enthalten. Über Njorðr berichtet die Gylf. 23: >Er beherrscht den Gang des Windes und stillt Meer und Feuer<, die Gylf. 24 sagt über Freyr: >Er herrscht über Regen und Sonnenschein und das Wachstum der Erde<. Über Óðinn sagt die Ynglinga saga (Kap. 7): >Überdies konnte er durch Worte allein das Feuer löschen oder die See beruhigen, auch konnte er die Winde drehen, nach welcher Seite er wollte<. Hier ist noch die ursprüngliche Hauptfunktion Óðins als Windgott erkennbar, der Gott führt daher in den Grimnismál 54 den Beinamen Váfuðr ("Wind"). Auch Sein Hauptname, Wodan (Óðinn) wird im Sinne von "Wut (des Sturmes)" gedeutet. Die Namen der anderen Götter haben gleichfalls Bezüge zu den Naturerscheinungen: Þórr bedeutet den "Donner" des Gewitters, Yngvi (ein Beiname des Freyr) bedeutet "Brennen" (des Sonnen- und Kultfeuers), Sól ist die "Sonne", Loki wird auch als "Lohe" (das lodernde Wildfeuer) gedeutet, Baldr bedeutet der "Helle, Strahlende" und bezeichnet Ihn als Licht- und Sonnengott, Heimdallr ist der "Weltglanz", der "über die Welt Glänzende" und kennzeichnet den Gott als Mondgott, wie auch sein älterer Name Mannus ("Mond"), die Göttin Vár ist nach dem Frühling benannt, ein Beiname der Freyja lautet Mardoll und bedeutet "Meererleuchtend", der südgermanische Name Ostara bedeutet "Morgenstern", der Name des Gottes Forseti ist vielleicht zu Poseidon ("Meer") zu stellen, die Göttin Syn ist nach dem "Schein" der Sonne oder des Feuers benannt, und die Namen der Götter Njorðr und Njorunn bedeuten wahrscheinlich "Erde".

Diese Tatsachen waren, wie die erwähnten Quellen belegen, unseren Vorfahren noch bekannt. Wenn es nun also ein Eddalied wie Þrymsqviða gibt, in dem der Donnergott Þórr erwacht und sein Hammer gestohlen ist, den Er sich nun mit List von den Riesen holen muß, dann war unseren Vorfahren bewußt, daß Þórr hier das erste Gewitter des Frühlings verkörpert, zu dem Er den Hammer als Blitzsymbol benötigt, und das die Riesen den Winter symbolisieren. Die Riesen heißen in der Edda häufig "Hrimþursen" (Reifriesen) und dies beweist, daß die Riesen auch als Vertreter des kalten Winters mit Reif und Schnee angesehen wurden. Es gibt in den Quellen eine eigene Genealogie von Riesen, die auch den Winter verkörpern, und zwar in den Fundinn Nóregr und der Hversu Noregr byggðisk, wo der Riese Fornjótr u. a. einen Sohn Kari (Wind) hat, dessen Nachkommen Namen wie Jokull (Gletscher) oder Frosti (Frost) und Snær (Schnee), aber auch Fonn (Schneewächte), Drifa (Schneegestöber) und Mjoll (Pulverschnee) tragen. Die Riesen wurden also durchaus als Vertreter des Winters gedeutet.
Selbst Einzelheiten der Mythen können in naturmythologischer Weise gedeutet werden: Þórr verkleidet sich als Braut und nimmt Loki als Begleiter mit. Dies bedeutet, daß sich das erste Frühlingsgewitter (Þórr) hinter den ersten warmen Frühlingslüften (Loki) verbirgt und sich weiblich wie die Frühlingsgöttin verkleidet. Dabei wird der verkleideten Braut zur Weihe der Hammer überreicht, und die Göttin Vár angerufen, die auch den Frühling symbolisiert.

Dann bricht das Gewitter schließlich hervor und erschlägt die Riesen und bereitet dem Winter ein Ende. Diese Deutung der Þrymsqviða ist sehr naheliegend und war gewiß vielen Menschen der heidnischen Zeit bekannt. Uns können derartige Deutungen der Eddalieder helfen, uns mit den jeweils in der Jahreszeit herrschenden Götterkräften auseinanderzusetzen, uns auf sie einzustellen und so nicht nur das Geschehen in der Natur zu verinnerlichen, sondern auch in Einklang mit den Göttern und der Natur zu gelangen. Denn es ist selbstverständlich so, daß auf den Blóts (Festen) des Jahres nur das jeweils zur Jahreszeit passende Eddalied vorgetragen wird.
Auf den Jahreskreis beziehen sich auch die Heldenlieder der Edda; hier stehen nun zwar Helden an Stelle der Gottheiten, aber der Bezug zum Jahreskreis ist noch erkenntlich. So entspricht z. B. die Ermordung des Sonnenhelden Siegfried-Sigurðr (als Vertreter des Sonnengottes) durch Hagen-Hogni (als Vertreter des Dunkelgottes) der Ermordung Baldrs durch Hoðr. Diese Lieder eignen sich auch besonders für die Blóts der Kriegerverbände.

Die Einzeldeutungen aller Götter- und Heldenlieder der älteren Edda finden sich in den Lehrheften des Allsherjargoden.

Neben der naturmythologischen Deutung der Eddalieder gibt es weitere Deutungen höherer Ebenen. Eine Weitergabe dieser Deutungen erfolgt nur mündlich und nur an dafür würdige Heiden.


Ausgaben und Übersetzungen

Von der älteren wie jüngeren Edda sind mehrere Facsimiles erschienen, z. B. "Codex Regius of the Elder Edda", mit einer Einführung von Andreas Heusler, Copenhagen 1937.
Eine Textausgabe der älteren Edda in normalisierter Form besorgte Hans Kuhn, "Edda - Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern", 5. Auflage, Heidelberg 1983 (Bd. 1: Text, Bd. 2: Kurzes Wörterbuch), besser ist allerdings die 3. Auflage, weil sie noch die Lieder Grógaldr und Fjollsvinnzmál enthält.

Eine Textausgabe der jüngeren Edda besorgte Heimir Pálsson, "Edda Snorra Sturlusonar", Mál og menning, Reykjavík 1984.

Die Namensaufzählungen der jüngeren Edda, die Nefnaþulur, finden sich nur bei Finnur Jónsson, "Den Norsk-Islandske Skjaldedigtning", Bd. 1, København um 1900.

Deutsche Übersetzungen der älteren Edda gibt es einige. Leider sind fast alle ungenau, verfälschen die Texte, kürzen oder stellen willkürlich Strophen um. So handelt es sich beispielsweise bei den Übertragungen von Wilhelm Jordan, Hans von Wolzogen oder Rudolf John Gorsleben um freie Nachdichtungen, nicht um Übersetzungen. Felix Genzmer traf zwar bei vielen Strophen den Klang des Originals recht gut, strich aber die Prosateile der Lieder einfach weg, weil er der irrigen Ansicht war, sie seien spätere Einschübe, und stellte die Strophen völlig frei um. Die ursprünglichen Eddalieder sind in seiner Ausgabe kaum noch zu erkennen. Dafür enthalten seine zwei Bände (die als Bd. 1 und 2 die Sammlung Thule einleiten) einige Lieder der eddischen Dichtung, die sonst nirgends übersetzt sind.

Viele heidnische Gemeinschaften hatten sich bereits vor etwa 20 Jahren geeinigt, nur noch die Übersetzung von Karl Simrock zu verwenden. Diese erschien zuerst 1851, weist aber leider auch gravierende Fehler auf. Simrock hatte eigenmächtig einige zweizeilige Kurzstrophen zu Vollstrophen ergänzt (diese Erfindungen sind meist eingeklammert), außerdem hatte er z. B. allzuheidnische Lebensregeln der Hávamál abgeschwächt. Die Verse der Voluspá hat er in ihrer Reihenfolge umgestellt. Seine Übersetzung, von der in schneller Folge bis zu Simrocks Tod 1876 sechs weitere Auflagen erschienen, ist aber recht vollständig mit der älteren und Teilen der jüngeren Edda, auch Hrafnagaldr und das Sólarljóð sind enthalten. Besser als die alte Simrockübersetzung sind die Überarbeitungen. So erschien eine Simrockedda in Bearbeitung von Prof. Dr. Gustav Neckel (Die Edda, Berlin1926), in der er die Übersetzungsfehler von Simrock korrigierte, Erfindungen strich und die Strophen der Voluspá wieder in ihre originale Reihenfolge brachte. Leider fehlen dieser Ausgabe die Versnummern sowie die Teilübersetzung der jüngeren Edda, die zur alten Simrockübersetzung gehörte. Auch Prof. Hans Kuhn verbesserte die alte Simrockübersetzung. Seine Edda, mit Versnummern, erschien in drei Bändchen des Reclam-Verlages (Leipzig 1944), darunter eine Teilübersetzung der jüngeren Edda. Sie ist immer noch eine der brauchbarsten Eddaübersetzungen, lediglich die Hrafnagaldr sowie vier Strophen der Vegtamsqviða fehlen; insbesondere Band 1 (Die Götterlieder der älteren Edda) gibt es noch immer (und erneut überarbeitet) als Reclamheftchen, allerdings fehlen hier neben Hg. noch zusätzlich vier Götterlieder (Gg., Fj., Rþ., Hdl.).

Eine sehr gute Übersetzung lieferte auch Hugo Gering ("Die Edda", Leipzig o. J., Vorwort von 1892), dessen Ausgabe auch die wichtigen Teile der jüngeren Edda enthält, mit Versnummern, leider fehlen auch hier die Hg.

Eine nahezu vollständige Übertragung der jüngeren Edda stammt von Gustav Neckel und Felix Niedner, ("Die jüngere Edda mit dem soganannten ersten grammatischen Traktat", 1925, Nachdruck Düsseldorf-Köln 1966) als Band 20 der "Sammlung Thule". Leider fehlen in dieser Übersetzung die Formáli, einzelne Teile der Skáldskaparmál sowie Grottasongr, auch die Nefnaþulur fehlen. Aber es ist die bis heute einzige und vollständigste Übersetzung der jüngeren Edda.

Wir bringen nun einige Beispiele für fehlerhafte Übersetzungen. Die Menschenschöpfung (Vsp. 18) lautet bei Simrock/Kuhn:

Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht,
Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe.
Seele gab Odin, Sinn gab Hönir,
Blut gab Lodur und blühende Farbe.

Hugo Gering übersetzt die Strophe:

Hauch und Seele hatten sie nicht,
Gebärde noch Wärme noch blühende Farben;
Den Hauch gab Odin, Hönir die Seele,
Lodur die Wärme und leuchtende Farben.

Schließlich sei noch Felix Genzmer zitiert:

Nicht hatten sie Seele, nicht hatten sie Sinn,
Nicht Lebenswärme noch lichte Farbe;
Seele gab Odin, Sinn gab Hönir,
Leben gab Lodur und lichte Farbe.

Der Übersetzungsfehler liegt hier in der "lichten Farbe"; das Original hat "lito goða", was zwar auch mit "guter Farbe" übersetzt werden kann, aber "lito" (Grundform "litr") bedeutet zuerst das Aussehen (eines Menschen), die Gestalt (H. Kuhn, Wörterbuch), "góða" (Grundform "góðr") ist als "goð" ohne Akzent zu übertragen (das Original hat Akzente nicht) und als "göttlich" zu übersetzen. "lito goða" ist also "Göttergestalt"; es ist der uralte und bei vielen Kulturen überlieferte Gedanke, daß die Menschen den Göttern ähnlich geschaffen wurden hier gemeint.

Die Begriffe Seele, Atem (ond), Sinn, Geist, Verstand (óðr) und Lohe (lá) werden natürlich völlig unterschiedlich und teilweise falsch übersetzt wie die Beispiele zeigen.

Ein anderes Beispiel, welches gerne von Neuheiden angeführt wird, um sich von den heidnischen Opfervorschriften zu befreien, ist Háv. 145 (Anfang). Simrock/Kuhn übersetzt:

Besser nichts gebetet als zu viel geboten:
Die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet als zu viel geschlachtet.

Bei Felix Genzmer lautet der Vers, den er noch selbstständig ergänzte:

Besser nichts erfleht, als zu viel geopfert:
Auf Vergeltung die Gabe schaut;
Besser nichts gegeben, als zu Großes gespendet:
(Eitel manch Opfer bleibt).

Hugo Gering kommt dem Sinn auch nicht näher:

Im Unmaß opfern ist ärger als gar nicht beten,
Gabe schielt stets nach Entgelt;
Verschwendet ist schlimmer als nicht geschlachtet.

Was steht nun im Original? Da heißt es in Zeile 1: "Betra er óbeðit, enn sé ofblótið", das bedeutet wörtlich: "Besser ist ungebetet, aber übergeopfert" (und analog auch in Zeile 3: "Besser ist ungesendet, aber übergesiedet"). Der Schlüssel ist das Wort "enn" (in der Handschrift: "en"), welches zwar auch mit "als" übersetzt werden könnte, allerdings hier mit "aber" übertragen werden muß. Zwar handelt es sich um eine Vergleichsform im Sinne von: "Besser A als B", aber der erste Teil steht in der Verneinung, so daß es heißen muß: "Besser nicht A, aber B". Über das Wort "en" heißt es: "Es bezeichnet selten einen betonten Gegensatz und kommt dem oc und oft sehr nah" (H. Kuhn, Wörterbuch). Die zweite Zeile bedeutet etwa: "Nach der Gabe die Vergeltung sieht". Sinn der Strophe: Man soll viel opfern und um wenig bitten (weil man bescheiden sein soll und die Götter genau wissen, was uns fehlt), die Gegengabe richtet sich nach der Opfergabe.

Nun könnte man noch weitere Fehler auflisten, z. B. übersieht Simrock in Þrymsqviða Str.30 die Göttin der Ehe, Vár:

Legt den Miölnir der Maid in den Schoß
Und gebt uns zusammen nach ehelicher Sitte.

Hier ist ausnahmsweise einmal F. Genzmer (und H. Gering) besser:

Leget Mjöllnir der Maid in den Schoß!
Mit der Hand der War weiht uns zusammen!

Es wurden auch in den Neuausgaben zusätzliche Fehler eingefügt, z. B. in der Neuausgabe der Genzmer-Übersetzung von Vsp. 47 (nach Simrockzählung: 48) geht der Weltbaum in Flammen auf, was zum Mythos gar nicht paßt, in der Übersetzung von Artur Häny werden (Vsp. 1) nicht die Menschen als "Heimdalls Nachkommen" bezeichnet, sondern die Götter, was völlig falsch ist. Möglicherweise ist es heute "politisch unkorrekt", die Germanen als Götternachkommen zu bezeichnen und die Strophe richtig zu übersetzen.

Wer die Edda genau kennen und studieren will (insbesondere die Goden und Gydjas), muß sich also mit dem Original der Edda intensiv beschäftigen. Als Übersetzung, die diese Fehler nicht mehr aufweist, ist bisher nur die verbesserte Simrock-Fassung in "Kommentar zu den Götterliedern der Edda" (siehe unter "Bücher") zu empfehlen.


(© 2008 Allsherjargode Géza von Neményi)

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